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Nachhaltigkeit und KI steigen im Trend-Ranking nach oben

Kleinere ERP-Lösungen (Enterprise Resource Planning) bewerten die Anwender in der Trovarit-Studie „ERP in der Praxis 2022/2023“ besser als große Lösungen. Release-Wechsel sind aktuell eher selten. Nachhaltigkeit und Künstliche Intelligenz haben im Trend-Ranking am stärksten zugelegt, so Dr. Karsten Sontow, Vorstandsvorsitzender des Consultinghauses Trovarit AG, in einem Interview.

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Die ERP-Studie untersucht die Zufriedenheit der Anwender mit den von ihnen eingesetzten betriebswirtschaftlichen Anwendungen. Inwiefern sind diese doch teilweisesehr subjektiven Bewertungen für andere Anwender relevant?

Zufriedenheitsbewertungen zeigen, ob ein Anwender seine Erwartungen in einem Produkt und dem dazugehörigen Service wiederfindet. Insofern sind sie immer subjektiv. Da allerdings in der Studie knapp 2.000 Teilnehmer befragt wurden, lassen sich aus den Zahlen robuste und verallgemeinerbare Erkenntnisse zu den einzelnen ERP-Lösungen und zum ERP-Markt allgemein ziehen.

Wo liegen die Grenzen der Aussagekraft solcher Bewertungen bei der Auswahl einer Lösung?

Die grundsätzliche Frage, welche Lösung und welcher Anbieter zu einem Anwender unternehmen passt, lässt sich aus der ERP-Studie nicht ableiten. So etwas erfordert ein strukturiertes Auswahlverfahren, bei dem unter anderem die Branchenbesonderheiten zur Sprache kommen. Hat ein Unternehmen aber in dieser ersten Prüfung einen Kandidaten gefunden, dann können die Verantwortlichen in der Studie nachschauen, welche Erfahrungen andere Anwender mit dieser Lösung und diesem Anbieter gemacht haben. Die Studie ersetzt dann keinen Referenzkundenbesuch, denn dort kann man ja viel zwischen den Zeilen erfahren. Sie ist allerdings breiter, neutraler und auch objektiver aufgestellt als ein individuelles Kundengespräch.

Welche Hersteller sind in der Studie die Gewinner und die Schlusslichter?

Da sich einzelne Hersteller nicht ohne weiteres vergleichen lassen, haben wir die Lösungen in Größenklassen eingeteilt. Auch hier gibt es nicht den einen Gewinner oder Verlierer, denn alle Lösungen erhalten positive und negative Zensuren. Aus dem Langzeitvergleich lassen sich Veränderungen in der Zufriedenheit ableiten. Manch ein Zusammenhang bleibt über die Jahre stabil. So haben es Hersteller von ERP-Lösungen, die eher in kleinen Unternehmen zum Einsatz kommen, leichter, hohe Zufriedenheitswerte zu erreichen. Schwerer tun sich Anbieter von Lösungen, die bei großen Unternehmen mit vielen Standorten, Regionen mit unterschiedlichen Sprachen und einem unterschiedlichen Steuerrecht zum Einsatz kommen. Die Komplexität derart anspruchsvoller Szenarien sorgt für eine hohe Zahl potenzieller Reibungspunkte und belastet die Zufriedenheit. Innerhalb der einzelnen Größenklasse gibt es dann wiederum deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Lösungen.

Welche Rolle spielt die Branchenspezialisierung einer Lösung?

Die Anpassung einer ERP-Lösung auf eine bestimmte Branche verbessert tendenziell die Anwenderzufriedenheit. Sie sorgt dafür, dass der Anbieter den Bedarf des Kunden genau kennt und seine Lösung spitz und schlank darauf zuschneiden kann. Mit einer solchen Spezialisierung haben es die Anbieter einfacher, dauerhaft eine Lösung in hoher Qualität zur Verfügung zu stellen. Bietet ein ERP-Hersteller hingegen eine Applikation, die sämtliche Bereiche abdeckt, braucht er viele Entwicklerressourcen und es ist für ihn schwierig, überall gute Ergebnisse abzuliefern.

Welche generellen Tendenzen sehen Sie in der Gesamtzufriedenheit der Anwender?

Generell gibt es über die Jahre einen engen Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit mit einer Software und mit dem dazugehörigen Service eines Anbieters. In diesem Jahr trennen die Anwender allerdings auffällig stark zwischen der Software und dem Service. Die Bewertung der Software bleibt stabil, aber der Service gibt Anlass zur Kritik. Ich erkläre das damit, dass im ERP-Markt in den vergangenen zwei Jahren sehr viel Unruhe entstanden ist. Einige Anbieter haben den Eigentümer gewechselt, und dieser hat das Unternehmen dann organisatorisch und produktseitig neu ausgerichtet. Die Lösungen werden auf links gekrempelt, und der Anbieter drängt die Anwender dazu, die Software upzudaten. Gleichzeitig ändern sich im Support die langjährig etablierten Ansprechpartner. All das belastet offensichtlich die Beziehungen der Kunden zum Softwareanbieter.

Das Kriterium der Nachhaltigkeit hat die Studie zum ersten Mal abgefragt. Es erfährt eine hohe Relevanz. Was fordern die Anwender, was liefern die Hersteller?

Das Thema „Nachhaltigkeit“ ist auf Platz 5 von 18 Themen gelandet. Obwohl die ge setzlichen Regularien dazu großenteils noch in der Vorbereitung sind. Unternehmen befassen sich damit, wie sie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und zukünftige Vorgaben erfüllen können. So fordern beispielsweise Automobilhersteller von ihren Lieferanten, dass sie ihre Aktivitäten in Richtung CO2-Neutralität nachweisen, damit sie künftig als Geschäftspartner akzeptiert werden. Die Bilanzierung des CO2-Ausstoßes kann kaum ohne die Stamm- und Bewegungsdaten aus dem ERP-System erfolgen. Viele Informationen zur Ermittlung des CO2-Ausstoßes in der Lieferkette lagern in den ERP-Stammdaten, zum Beispiel: Welche Materialien werden gekauft, wie schwer sind sie und wo haben die Lieferanten ihren Sitz. Darüber hinaus können ERP-Systeme einen relevantenBeitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen leisten, wenn diese im Zuge von Dispositionsentscheidungen mitberücksichtigt werden.

Künstliche Intelligenz wird gerade heiß diskutiert. Welche Anwendungsfälle sehen Sie dafür in ERP-Systemen?

Die Relevanz das Thema Künstliche Intelligenz für die Anwender steigt, und es gibt immer mehr Ideen für die Anwendung dieser Technologie. Ein Beispiel ist die Sicherung und Verbesserung der Qualität der Stammdaten. Mit Algorithmen lassen sich Muster in den Stammdaten ebenso erkennen wie Abweichungen, die oft Fehler darstellen. Ein weiterer Anwendungsfall ist die Auftrags- und Beschaffungsplanung im ERP-System. Bislang arbeiten viele Systeme hier mit Parametern, die einmal eingegeben und dann jahrelang nicht angepasst wurden, weil die Pflege der Materialstämme sehr aufwändig war. Das führt schnell zu sehr ungenauen Planungen. In neuen Szenarien werden die Planungsparameter dynamisch angepasst. Zum Beispiel die Wiederbeschaffungszeiten. Haben wir in Shanghai einen Lockdown, sind viele Güter nicht mehr oder zumindest nicht mehr so schnell verfügbar wie früher. Das findet künftig Eingang in die Planung.


⇒ Das vollständige Interview über die Ergebnisse der ERP-Studie „ERP in der Praxis 2022/2023“ und die wichtigsten Themen und Trends im ERP-Umfeld finden Sie als kostenlosen Download in der aktuellen Ausgabe des Magazins IT-Matchmaker®.guide ERP-Lösungen 2023.

 

Zum IT-Matchmaker®.guide ERP-Lösungen 2023

 

 


Im Gespräch

Dr. Karsten Sontow | Trovarit AG

Dr. Karsten Sontow, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des auf ERP-Auswahl und -Betrieb spezialisierten Consultinghauses Trovarit AG, setzt sich im Rahmen seiner Aufgaben in den Bereichen Research und Anbieter-Management insbesondere auch mit der Rolle von ERP-Software und ERP-Anbietern auseinander: sowohl bezüglich des ERP-Einsatzes im Unternehmenskontext als auch im Hinblick auf ihre Bedeutung als Treiber von Innovationen.

Dr. Sontow ist einer der Initiatoren der Anwender-Studie „ERP in der Praxis“, die alle zwei Jahre Erkenntnisse zu Zufriedenheit, Nutzen und Perspektiven des ERP-Einsatzes liefert. Er ist außerdem Vorsitzender des Arbeitskreises ERP des BITKOM.