Das Auslagern von IT-Systemen ist keine Einbahnstraße. Laut einer Studie kehren viele Unternehmen der Cloud zwar nicht den Rücken, richten aber angesichts von Kostensteigerungen und strengen Anforderungen an die Datensouveränität ihre Workloads neu aus.

Cloud-Rückverlagerung: 89 Prozent der Unternehmen planen, ihre On-Premises-Infrastruktur in den nächsten zwei Jahren auszubauen. 75 Prozent haben in den vergangenen 24 Monaten bereits zumindest einen Teil ihrer Workloads aus der Public Cloud zurückverlagert. Das zeigt eine Umfrage, die im Februar dieses Jahres vom Marktforschungsinstitut Centiment im Auftrag von Cloudian durchgeführt wurde. 212 leitende IT-Entscheider und zentrale Einflussnehmer in Unternehmen mit umfangreicher Nutzung der Public Cloud befragt. 96 Prozent der Teilnehmer gaben an, primäre Entscheider oder maßgebliche Einflussnehmer in Infrastrukturfragen zu sein.
Compliance und Kosten als Game-Changer
Die Ergebnisse deuten auf ein grundlegendes Umdenken bei der Frage hin, wo Daten gespeichert werden sollten. Treiber sind dabei vor allem strengere Anforderungen an die Datensouveränität, drastisch steigende Kosten in der Cloud sowie Workloads für Künstliche Intelligenz (KI), die die Grenzen einer kosteneffizienten Cloud-Infrastruktur aufzeigen.
Die Umfrage richtete sich konkret an Unternehmen mit einer hohen Cloud-Nutzung. 76 Prozent der Befragten betreiben heute mehr als die Hälfte ihrer Workloads in der Public Cloud. Die Hinweise auf eine strategische CLoud-Rückverlagerung sind daher sehr aussagekräftig. Die befragten IT-Entscheider sind keineswegs Cloud-Skeptiker, sondern erfahrene Anwender, die gelernt haben, wo das Modell funktioniert und wo nicht.
„Unsere Studie besagt nicht, dass Unternehmen der Cloud den Rücken kehren“, berichtet Sascha Uhl, Senior Solutions Architect Channels and Alliances von Cloudian. „Es geht vielmehr darum, dass sie ihre Workload-Platzierung intelligent gestalten. Unternehmen wissen inzwischen, wo die Cloud funktioniert und wo nicht. Die Daten zeigen klar, dass On-Premises bei Workloads mit hohen Anforderungen an die Datensouveränität, bei KI-intensiven Anwendungen und bei großvolumiger Datenspeicherung oft die bessere Wahl ist.“
📥 Vertiefung: Multi-Cloud und Hybrid-Cloud strategisch nutzen
Unternehmen setzen zunehmend auf hybride Infrastrukturmodelle, um Flexibilität, Datensouveränität und Kosten besser auszubalancieren. Der Fachbeitrag von Dr. Karsten Sontow zeigt, warum Multi-Cloud- und Hybrid-Cloud-Strategien an Bedeutung gewinnen und wie Unternehmen ihre Cloud-Architekturen gezielt neu ausrichten.
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Artikel
Multi-Cloud und Hybrid-Cloud: Flexibilität statt Abhängigkeit Cloud-Strategien im Wandel |
| Autor: | Dr. Karsten Sontow, Trovarit AG | |
| Erschienen: | 2025-05-14 | |
| Schlagworte: | Cloud, Cloud Computing, Cloud-Management, Hybrid-Cloud | |
| Lange galt die Cloud als eine lineare Entscheidung: Wer modernisieren wollte, verlagerte seine IT in eine Public-Cloud und profitierte von Skalierbarkeit, Effizienz und Innovationskraft. Doch die Realität ist komplexer geworden. Immer mehr Unternehmen setzen heute nicht auf eine einzige Cloud-Umgebung, sondern kombinieren verschiedene Modelle – sei es, um Risiken zu streuen, gesetzliche Anforderungen zu erfüllen oder technologische Vorteile gezielt zu nutzen. | ||
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Datensouveränität ist nicht verhandelbar
Der Fokus auf die Datensouveränität ist eines der auffälligsten Ergebnisse der Umfrage und zeigt einen nahezu vollständigen Konsens. 99 Prozent der Befragten geben an, dass das Thema mindestens eine mittlere Rolle bei Infrastrukturentscheidungen spielt. 82 Prozent bezeichnen Datensouveränität sogar als zentralen oder wesentlichen Treiber. Mehr als die Hälfte, 59 Prozent, äußert hingegen Bedenken, dass Cloud-Anbieter auf ihre Daten für Analysen oder Model-Training zugreifen könnten. 53 Prozent unterliegen vertraglichen Vorgaben von Kunden oder Partnern, die einschränken, wo Daten gespeichert werden dürfen. Daneben erhöhen aber auch die regulatorischen Entwicklungen weiter den Druck auf Unternehmen. 45 Prozent der Befragten haben in den vergangenen zwei Jahren Änderungen erlebt, die neue Beschränkungen für grenzüberschreitende Datenübertragungen mit sich brachten. Diese Entwicklung spiegelt ebenfalls die zunehmende Dynamik von Data-Localization-Gesetzen in der EU, im asiatisch-pazifischen Raum und in anderen Regionen wider.
„Die Compliance-Anforderungen sind sehr komplex geworden und haben sich schneller entwickelt als die Infrastrukturangebote der meisten Cloud-Anbieter“, berichtet Uhl. „Sobald sich Anforderungen an Data Residency nicht sauber mit den verfügbaren Cloud-Regionen abbilden lassen, ist On-Premises keine Legacy-Option mehr, sondern oft die einzig praktikable Lösung.“
Die Cloud-Kosten haben deutlich zugelegt
Auch die Einschätzung der Kostensteigerung ist eindeutig. Ganze 84 Prozent der Studienteilnehmer überschreiten das ihr Cloud-Budget, fast jedes fünfte Unternehmen liegt mehr als 30 Prozent darüber. Bei den Ursachen stehen Data-Egress-Gebühren mit 46 Prozent an erster Stelle. Der Begriff Data Egress bezeichnet den ausgehenden Datenverkehr, der ein Netzwerk oder eine Cloud-Infrastruktur verlässt. Auf Platz zwei der Preistreiber folgen steigende Kosten durch wachsende Datenmengen mit 45 Prozent sowie höhere Gebühren für Regionen, die Data-Residency-Anforderungen erfüllen, mit 43 Prozent. Lediglich ein halbes Prozent der Befragten bleibt unter ihrem Cloud-Budget.
„Gerade Data-Egress-Gebühren sind für Unternehmen mit großen, aktiven Datensätzen zu einem erheblichen Kostenfaktor geworden“, erläutert Sascha Uhl. „Die Kalkulation, die die Cloud für frühe Projektphasen oder variable Workloads attraktiv gemacht hat, funktioniert nicht mehr, wenn Petabytes gespeichert und regelmäßig genutzt werden.“
KI beschleunigt den Strategiewandel
Während Datensouveränität und Kosten die strukturellen Treiber sind, sorgt Künstliche Intelligenz für zusätzlichen Handlungsdruck. 85 Prozent der Befragten geben an, dass KI-Anforderungen ihre Hinwendung zu On-Premises-Infrastruktur beeinflussen. Mehr als die Hälfte, 55 Prozent, sagt auch, dass die Cloud die Anforderungen an die Latenz für die KI-Inferenz nicht zuverlässig erfüllt. 52 Prozent müssen ihre Trainingsdaten für KI aus Sicherheits- oder Compliance-Gründen On-Premises halten.
Gefragt nach den wichtigsten Prioritäten für die Infrastruktur des kommenden Jahres nennen 57 Prozent die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz und Machine Learning auf Platz eins. Dahinter folgen Datensouveränität und Sicherheit mit 56 Prozent sowie Kostenplanbarkeit mit 54 Prozent. Dass diese Ergebnisse so knapp beieinander liegen, zeigt, wie eng die Ziele rund um Künstliche Intelligenz mit Fragen der Datensouveränität und Wirtschaftlichkeit verknüpft sind.
„Künstliche Intelligenz ist der entscheidende Beschleuniger“, verdeutlicht Uhl. „Unternehmen, die bei klassischen Workloads noch mit suboptimalen Cloud-Kosten oder Kompromissen bei der Datensouveränität leben konnten, akzeptieren diese Abwägungen bei KI nicht mehr. Die Anforderungen an Latenz sind höher, die Daten sensibler und die Kosten im großen Maßstab schwerer tragbar.“
Cloud-Rückverlagerung bei Unternehmen statt U-Turn
Die Umfrage macht allerdings auch eines deutlich: Unternehmen werden die Cloud nicht grundsätzlich verlassen. Rund 30 Prozent bauen ihre Cloud-Nutzung sogar weiter aus. Treffender ist das Bild einer gleichzeitigen Expansion und Cloud-Rückverlagerung. Organisationen optimieren ihre Workload-Platzierung, statt sich für eine Seite zu entscheiden.
„Hybrid ist kein Kompromiss mehr, sondern eine bewusste Strategie“, resümiert Uhl. „Unternehmen, die diese Strategie erfolgreich umsetzen, entscheiden sehr bewusst, welche Workloads wo laufen und warum: Die Cloud für flexible, unvorhersehbare Anforderungen und On-Premises für alles, was planbare Kosten, niedrige Latenz und klare Datenhoheit erfordert.“ Jürgen Frisch


