Von Künstlicher Intelligenz erwarten sich viele Entscheider deutliche Wettbewerbsvorteile. Wie eine Umfrage zeigt, fehlt es jedoch vielerorts an klaren Prozessen und Verantwortlichkeiten. Schutzmechanismen gegen die Risiken haben nur wenige Entscheider im Blick.

Künstliche Intelligenz ist in vielen deutschen Dienstleistungsunternehmen fester Bestandteil der Strategie. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Spezialversicherers Hiscox. Die Führungsebene sieht großes Potenzial in dieser Technologie und investiert in entsprechende Projekte. Beim Verständnis rechtlicher Anforderungen und beim Schutz vor potenziellen Risiken besteht jedoch erheblicher Nachholbedarf.
Effizienz, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit als Ziel
Hiscox hat im April und Mai dieses Jahres insgesamt 400 Entscheider befragt, die in Dienstleistungsunternehmen aktiv über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bestimmen. Sie kommen aus Unternehmen aller Größen – vom Solo-Selbstständigen bis zum Großkonzern – und sind meist in leitenden Funktionen wie IT-Strategie, Innovation oder Geschäftsführung tätig.
Fast alle Befragten sehen in Künstliche Intelligenz einen wichtigen Hebel für Effizienz, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit. Sie investieren gezielt in neue Technologien und treiben Projekte aktiv voran. 76 Prozent setzen Künstliche Intelligenz aktuell ein. 81 Prozent erwarten dadurch einen positiven Effekt auf die Wettbewerbsfähigkeit. Zum Einsatz kommt Künstliche Intelligenz in der Datenanalyse (49 Prozent), im Kundenservice (47 Prozent) und im Personalwesen (28 Prozent).
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Reifegrad hoch – aber Know-how zu KI gering
Den Reifegrad des eigenen Unternehmens in Sachen Künstlicher Intelligenz schätzten die Entscheider auf einer Skala von 1 („kein Einsatz“) bis 10 („voll integriert“) im Durschnitt recht optimistisch mit dem Wert 6 ein. Das Wissen über rechtliche und sicherheitsrelevante Aspekte bleibt allerdings deutlich hinter dem Reifegrad zurück. Lediglich 43 Prozent der Unternehmen, die Künstliche Intelligenz einsetzen, haben ihre Mitarbeiter zum sicheren Umgang mit dieser Technologie geschult. 53 Prozent der Entscheider räumen ein, dass es im Unternehmen noch an grundlegendem Know-how fehlt. Selbst bei den Entscheidern selbst ist das Wissen über regulatorische Anforderungen wie den AI Act oft lückenhaft, 42 Prozent sind sich nicht sicher, was gesetzliche Vorgaben betrifft. Dabei bringen Gesetze wie der AI Act bereits heute konkrete Pflichten mit sich.
„Künstliche Intelligenz ist in der täglichen Praxis angekommen“, berichtet Marc Thamm, Product Head Technology, Media, Communications bei Hiscox. „Die Entscheider sind nun gefordert, nicht nur in ihr eigenes Know-how zu investieren, sondern auch ihre Mitarbeiter auf diese Reise mitzunehmen und durch gezielte Schulungen und klare Strategien ein Bewusstsein für Risiken zu schaffen. Nur so wird Künstliche Intelligenz sicher und bringt nachhaltig Nutzen.“
Absicherung ist bislang die Ausnahme
Trotz der weit verbreiteten Nutzung Künstlicher Intelligenz bleibt die Absicherung gegen die damit verbundenen Risiken die Ausnahme. Aktuell haben sich lediglich 24,7 Prozent der befragten Unternehmen gegen diese Risiken versichert. 14 Prozent der Entscheider wissen nicht, ob ihr Unternehmen abgesichert ist und 14,7 Prozent glauben sogar, dass eine Absicherung gegen derartige Risiken gar nicht möglich ist.
Fazit: Künstliche Intelligenz in deutschen Dienstleistungsunternehmen braucht klare Strategien und Risikomanagement
Diese Zahlen zeigen nicht nur eine geringe Marktdurchdringung, sondern ein massives Informationsdefizit. Viele Unternehmen sind sich der potenziellen Risiken – etwa durch fehlerhafte Entscheidungen, Verstöße beim Datenschutz oder regulatorische Konflikte – zwar bewusst, wissen aber nicht, wie sie sich dagegen schützen können. Das betrifft nicht nur die Absicherung selbst, sondern auch das Verständnis dafür, welche Risiken sich überhaupt versichern lassen, und welche Anforderungen der AI Act an Unternehmen stellt.
So entsteht eine große Lücke zwischen dem technologischem Fortschritt und der organisatorischer Reife. „Künstliche Intelligenz verändert unsere Arbeitswelt tiefgreifend“, erläutert Marc Thamm. Die meisten Entscheider nutzen diese Technologie regelmäßig. Gegen die Risiken hat sich jedoch weniger als eins von vier Unternehmen abgesichert. Die Versicherungswirtschaft sollte hier Orientierung geben, Transparenz schaffen und Lösungen anbieten. Ansonsten wird sie als Bremsklotz dieser Innovation wahrgenommen.“ Jürgen Frisch