Start Software und Technologie Digitalisierung im Mittelstand: Warum Angst vor Komplexität zur größten Gefahr wird

Digitalisierung im Mittelstand: Warum Angst vor Komplexität zur größten Gefahr wird

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Verschieben Unternehmen die Digitalisierung, weil sie die Komplexität fürchten, gefährden sie ihre Zukunft. Schon mit kleinen Schritten lässt sich eine zukunftssichere Basis errichten. Eine Langfrist-Strategie sichert den Weg ab.

ERP Mittelstand
©Maxxa_Satori, istockphoto.com

Digitalisierung im Mittelstand: Ganze 54 Prozent der rund 5.400 in der DIHK-Digitalisierungsumfrage 2025 befragten deutschen Unternehmen benennen „Komplexität“ als größte Herausforderung bei der Digitalisierung. Damit rangiert dieser Faktor auf Platz zwei der Digitalisierungs-Hürden, direkt hinter dem Faktor „Zeit“ (60 Prozent). Diese Einschätzung halte ich für ein gravierendes Missverständnis, das bis heute viele von der Digitalisierung abhält – und so ihre zukünftigen Geschäftserfolge und sogar ihre Existenz gefährdet.

Gleichzeitig betrachteten sich nämlich laut einer Bitkom-Umfrage vom vergangenen Jahr 64 Prozent der Unternehmen selbst als „digitale Nachzügler“. Wie schon in den Jahren davor waren von dieser schleppenden Entwicklung besonders kleinere und mittlere Unternehmen betroffen, so das Ergebnis einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Eine Fehleinschätzung bremst unsere Zukunftsfähigkeit

Aus den zitierten Zahlen ergibt sich ein gefährlicher Kausalzusammenhang: Offenbar verlieren mittelständische Unternehmen in Deutschland den Anschluss an die digitale Transformation der Weltwirtschaft, weil sie der Meinung sind, Digitalisierung sei derart komplex, dass sie dieser Herausforderung nicht gewachsen sind. Diese Sichtweise ist grundlegend falsch und gefährlich.

In Wahrheit muss Digitalisierung kein Mammut-Projekt sein, das Unternehmen überfordert und im schlimmsten Falle monatelang lähmt. Im Gegenteil: Schon kleine Digitalisierungs-Schritte in einzelnen Bereichen generieren in kurzer Zeit immense Mehrwerte bei Effizienz und Produktivität. Andere Bereiche können dabei zunächst vollständig unangetastet bleiben.

Digitalisierung ist kein brutaler Umbruch, sondern ein fortlaufender Prozess. Gerade mit modular aufgebauten Cloud-ERP-Systemen (Enterprise Resource Planning), die über eine offene Software-Architektur verfügen, lässt sich dieser Prozess behutsam und individuell gestalten. Unternehmen entscheiden selbst, was sie wann und in welchem Tempo digitalisieren.


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Quelle: onephoto | Adobe Stock

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Klein anfangen und Schritt für Schritt nachlegen

Mein Appell: Fangen Sie lieber klein an als gar nicht. Verfolgen Sie dabei eine langfristige und umfassende Strategie, die von Anfang an auf ein flexibel erweiterbares Cloud-ERP-System setzt. Wer heute nicht die digitalen Grundlagen schafft, wird die rasanten Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz und deren immensen Nutzen verpassen. Gerade mittelständische Unternehmen laufen derzeit Gefahr, von digitalisierten Mitbewerbern abgehängt zu werden.

Drei Beispiele für kleine, ERP-basierte Digitalisierungsprojekte in einzelnen Unternehmensbereichen aus unterschiedlichen Branchen belegen meine Sichtweise:

Ein auf Bezahlsysteme spezialisiertes Unternehmen entschied sich dafür, zunächst nur das Rechnungs- und Mahnwesen zu digitalisieren. Bis dahin hatte man dafür noch Papier und Aktenordner eingesetzt. Seit der Digitalisierung überprüft das ERP-System in Echtzeit alle Kontoeingänge und gibt bei Verzug automatisch Zahlungserinnerungen aus. Das Ergebnis: Die Zahl der offenen Rechnungen und die Höhe der Außenstände konnte um 90 Prozent reduziert werden. Die eingesparte Zeit entsprach einer vollen Stelle, die nun wichtigere Aufgaben erledigt.

Bei einem Kunststoffproduzenten, bei dem es viele, oft mehrstufige Genehmigungsprozesse im Bereich der Qualitätskontrolle gibt, können die Mitarbeiter nach der Umstellung von einem Papier-basierten System auf ein Cloud-ERP alle anstehenden Freigaben im System einsehen und mit wenigen Mausklicks bestätigen. Neben der Zeitersparnis lassen sich – als positiver Nebeneffekt – auch Qualitätsmängel in der Lieferkette in Echtzeit überwachen und zurückverfolgen.

Ein Logistik-Unternehmen stellte von Excel-Tabellen in der Lagerhaltung auf ein Cloud-ERP in Kombination mit Handscannern um. Das Ergebnis sind exakte Informationen über alle Bestände, Klarheit in der Buchhaltung, keine Suchaktionen im Lager mehr, wesentlich geringere Fehlerquoten und deutlich gesenkte Kosten.

360-Grad-Überblick über alle unternehmensinternen Prozesse

Werden solche kleinen Einzelprojekte als integrale Bestandteile einer langfristigen Digitalisierungs-Strategie umgesetzt, können sie nach und nach ihr volles Potenzial entfalten. Weitere Unternehmensbereiche können digitalisiert und über das ERP-System verknüpft werden. So entstehen wertvolle Synergieeffekte. Je nach Branche stehen dafür unterschiedliche Module zur Verfügung, beispielsweise Warenwirtschaft, CRM (Kundenmanagement), Projektcontrolling, Dokumenten-, Service- und Qualitätsmanagement, Produktion oder E-Commerce. Über Schnittstellen lassen sich darüber hinaus weitere Software-Komponenten von Drittanbietern integrieren.

So entsteht nach und nach eine zentrale, intern vernetzte Informationsbasis, auf die sämtliche Mitarbeiter in allen Abteilungen in Echtzeit zugreifen können. Und zwar ohne bestehende Prozesse zu gefährden und im gewünschten Tempo, sodass keine betrieblichen Reibungsverluste auftreten. jf


Der Autor

Digitalisierung im Mittelstand
Quelle: Haufe X360

Carsten Schröder ist CEO von Haufe X360, Anbieter einer Business-Management-Plattform.