In Betrieben, in denen Anlagenwissen über Jahrzehnte gewachsen ist, gehen mit dem altersbedingten Ausscheiden erfahrener Mitarbeiter wichtige Kompetenzen verloren. Mit digitalen Zwillingen lässt sich dieses Wissen konservieren und langfristig nutzbar machen.

Digitale Zwillinge in der Instandhaltung: Praxiswissen, das weit über das bloße Dokumentieren von Fakten hinausgeht, bildet die Grundlage für effiziente Instandhaltung, sichere Betriebsprozesse und die schnelle Lösung technischer Probleme. Viele dabei wichtige Informationen lassen sich nicht in herkömmlichen Dokumentationssystemen ablegen, sondern verbleiben in den Köpfen der Angestellten und sind damit schwer zugänglich, wenn es darauf ankommt. „Die traditionelle Informationsversorgung über lose Dokumente oder vergangenheitsbezogene Akten schließt diese Lücke nur unzureichend, und das kann gravierende Folgen für Betriebssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit haben“, warnt Hans Karl Preuß, Geschäftsführer des auf Dokumentationsmanagement spezialisierten IT-Dienstleisters GABO IDM.
Digitale Zwillinge bieten eine gute Möglichkeit, dieses Erfahrungswissen zu sichern und für nachfolgende Generationen zugänglich zu machen. Sie schaffen ein durchsuchbares und mobil verfügbares Abbild einer technischen Anlage, in der sich nicht nur klassische technische Dokumente wie Betriebs- oder Wartungshandbücher integrieren lassen, sondern auch organisationsspezifisches Wissen, das sich bislang nur informell weitergeben ließ. Durch das Zusammenführen von Daten aus verschiedensten Quellen – etwa Bestandsdokumentationen, Systemarchiven, technischen Zeichnungen und Metadaten – entsteht ein Organisationsgedächtnis, das sowohl explizites als auch implizites Wissen systematisch erfasst und bereitstellt.
Digitale Zwillinge in der Instandhaltung ermöglichen passgenauen Informationszugriff
„Über einen digitalen Zwilling greifen Mitarbeiter situationsgerecht auf genau die Informationen zu, die sie für ihre Aufgaben benötigen, ohne sich durch Informationsfluten kämpfen zu müssen“, erläutert Preuß. Ein wichtiges Element dieser digitalen Wissenssicherung ist das Strukturieren und Verknüpfen von Informationen mittels eindeutiger Anlagen-Kennzeichnungssysteme. Diese Ordnung ermöglicht es, Informationen auch dann schnell zu finden, wenn sie zuvor in verschiedenen, uneinheitlich organisierten Quellen verstreut waren. „Mit einem automatisierten Tagging lassen sich Daten so verknüpfen, dass Zusammenhänge zwischen Anlagenteilen, Dokumenttypen und Erfahrungswissen deutlich werden“, berichtet Preuß. Das reduziere manuellen Aufwand und mache zudem Wissenslücken erkennbar, die sich gezielt schließen lassen. „Durch das Bereitstellen im Browser werden diese Informationen unabhängig von Ort, Zeit oder Endgerät verfügbar“, erklärt der Experte.
Der digitale Informationszwilling fungiert nicht nur als Archiv, sondern auch als interaktive Wissensplattform, die über eine reine Dokumentensammlung hinausgeht. Mit einem solchen System lässt sich Know-how so konservieren, dass es nicht nur beim Generationenwechsel kurzfristig zur Verfügung steht, sondern sich langfristig zum Teil der organisationalen Intelligenz entwickelt. „Die Kombination aus automatisierter Dokumentenanalyse, gezielter Informationsaggregation und intuitiver Verfügbarkeit stellt einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise dar, wie sich Wissen in Unternehmen sichern und weitergeben lässt“, erläutert Preuß. „Gerade in Zeiten, in denen Fachkräfte fehlen und der Druck zur Digitalisierung wächst, erweist sich dieser Ansatz als wirkungsvolles Instrument, um den Übergang zwischen erfahrenen und nachfolgenden Mitarbeitern nachhaltig zu gestalten.“
Fortlaufende Weiterentwicklung als Ziel
In der Praxis ist der Aufbau eines digitalen Informationszwillings ein fortlaufender Prozess der Organisationsentwicklung. Dazu gehören nicht nur das Scannen und Klassifizieren historischer Dokumente, sondern auch die fortlaufende Pflege und Aktualisierung der digitalen Wissensbasis, um Veränderungen im Betriebsgeschehen adäquat abzubilden. „Der ganzheitliche Ansatz ermöglicht es, Erfahrungswissen zu bewahren und als aktiven Bestandteil des täglichen Arbeitens zu nutzen“, erläutert Preuß. „So lässt sich der Generationenwechsel als Chance für organisatorisches Lernen und Zukunftsfähigkeit gestalten.“ Jürgen Frisch



