Unternehmen, die Künstliche Intelligenz einführen, bevor sie ihre Daten und Prozesse im Detail kennen, handeln sich ein teures Problem ein. Intelligente Systeme ohne Kontrolle werden schnell zu einer Risiko- und Haftungsfrage.

Die deutschsprachigen Länder leisten sich gerade ein bemerkenswertes Kunststück: Wir unterzeichnen Milliarden-Commitments für die Transformation mit Künstlicher Intelligenz (KI) und schicken gleichzeitig täglich Millionen von Faxen. Das wäre noch erträglich, wenn es zwei verschiedene Welten wären. Aber oft ist es dieselbe Welt: dasselbe Unternehmen, dieselbe IT-Abteilung, dasselbe Budget-Meeting, in dem beides beschlossen wird.
Das Fax ist dabei kein Kuriosum, sondern eine Diagnose. Laut einer Untersuchung des Branchenverbands Bitkom nutzten 2025 noch 18 Prozent der deutschen Unternehmen regelmäßig ein Faxgerät. Wer das als Erfolg feiert, der übersieht den entscheidenden Punkt: Das Fax hält sich nicht, weil niemand Besseres weiß. Es hält sich, weil die Prozesse drum herum nie grundlegend hinterfragt wurden. Es ist das sichtbarste Symptom eines analogen Ökosystems, das sich darunter verbirgt: proprietäre Legacy-Systeme, häufig Microsoft Excel als Herzstück operativer Kernprozesse, papierbasierte Genehmigungswege.
Was passiert, wenn diese Unternehmen Künstliche Intelligenz einführen? Die ehrliche Antwort: Sie erkaufen sich ein teureres Problem. Künstliche Intelligenz ist kein Reparaturbetrieb. KI ohne Datenqualität wirkt wie ein Verstärker für bestehende Probleme. Sie trägt mehr, aber sie trägt auch mehr von dem, was schon da ist. Unsaubere Daten, undokumentierte Prozesse und Schatten-IT: Wer diese Strukturen mit KI beschleunigt, der verschärft sein Problem.
Vertiefender Workshop KI-Projekte scheitern oft nicht an der Technologie, sondern an unklaren Datenstrukturen, mangelhafter Datenqualität und lückenhaften Informationsflüssen. Genau deshalb ist ein professionelles Datenmanagement eine wichtige Grundlage für belastbare Digitalisierung. Im Workshop zeigt Alex Ron, Teamleiter Beratungsteam Datenmanagement bei der Trovarit AG, wie Unternehmen Datenmigrationen systematisch vorbereiten, Stamm- und Bewegungsdaten analysieren, Datenqualität sichern und Informationsflüsse zwischen ERP, CRM und weiteren Systemen gestalten.Datenmigration bei ERP- und CRM-Systemwechseln

Legacy Fraktion und Innovations-Fraktion
Ich sehe in vielen Unternehmen heute zwei Fraktionen, die aneinander vorbeiarbeiten: die Legacy-Fraktion in IT und Operations, die um stabile Basisprozesse und Datenhygiene kämpft, und die Innovations-Fraktion aus den Digital- und Transformations-Teams, die Use-Cases für Künstliche Intelligenz vorantreiben, ohne auf das Fundament zu schauen. Beide haben Recht. Beide verlieren aber, solange sie nicht dieselbe Sprache sprechen.
Dazu kommt eine Frage, die viel zu selten gestellt wird: Wer darf eigentlich auf diese Daten zugreifen? Künstliche Intelligenz beschleunigt nicht nur Prozesse, sie beschleunigt auch Datenpannen. Ein Sprachmodell, das auf unstrukturierten, unkontrollierten Unternehmensdaten arbeitet, weiß nicht, was vertraulich ist und was nicht. Es gibt weiter, was es findet. Die Folge sind Compliance-Risiken: falsche Empfänger, unkontrollierte Datenabflüsse, Verstöße gegen die Datenschutz-Grundverordnung und gegen interne Richtlinien. Laut dem IBM Cost of a Data Breach Report 2025 verfügen 97 Prozent der Unternehmen, die einen KI-bezogenen Sicherheitsvorfall meldeten, über keinerlei ordnungsgemäße Zugriffskontrollen rund um Künstliche Intelligenz. Ein strukturelles Versagen, das sich mit wachsendem KI-Einsatz exponentiell verschärft.
Wer heute nicht weiß, welche Daten er hat, wo sie liegen und wie sauber sie sind, der hat ein Basisproblem. Und das löst keine Künstliche Intelligenz dieser Welt. KI ohne Datenqualität wird damit zum Verstärker organisatorischer Schwächen. Wer dann seine Prozesse dennoch von Künstlicher Intelligenz steuern lässt, riskiert nicht nur Ineffizienz. Er riskiert Kontrollverlust. jf
Der Autor

Ari Albertini ist CEO beim Security-Spezialisten FTAPI.


