Start Industrie Die Fabriken im Fadenkreuz von Cyberattacken

Die Fabriken im Fadenkreuz von Cyberattacken

Cyberkriminelle nehmen gerade Produktionsanlagen und kritische Infrastruktur ins Visier. Frühwarnsysteme analysieren den Datenverkehr im Netzwerk, erkennen Angriffe bereits im Entstehen und ermöglichen schnelle Gegenmaßnahmen, die Ausfälle verhindern.

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©EvgeniyShkolenko | istockphoto.com

Anomalieerkennung in OT-Netzwerken: Cyberangriffe treffen längst nicht mehr nur Serverräume oder klassische IT-Systeme. Produktionsumgebungen rücken zunehmend ins Zentrum digitaler Bedrohungen. Der Angriffspunkt liegt dort, wo Maschinen, Steuerungen und industrielle Prozesse in Echtzeit ineinandergreifen. Mit jeder zusätzlichen Schnittstelle wächst nicht nur die Effizienz, sondern auch die Verwundbarkeit.

Aktuelle Zahlen verdeutlichen die Lage: Täglich kommen weltweit 119 neue Schwachstellen hinzu, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig fehlt laut dem Lagebericht 2025 des BSI fast der Hälfte der Betreiber kritischer Systeme ein System zur Angriffserkennung. Laut Bitkom summierten sich die Schäden durch Cyberangriffe auf die deutsche Wirtschaft 2025 auf 289,2 Milliarden Euro. Die TÜV-Cybersecurity-Studie ergänzt: 15 Prozent der Unternehmen gerieten 2024 selbst ins Visier eines Cyberangriffs. 51 Prozent der Angriffe nutzen Künstliche Intelligenz, während nur 10 Prozent der Verteidiger diese Technologie einsetzen. Der Grund dafür liegt in der fortschreitenden Vernetzung industrieller Systeme. Sensoren liefern kontinuierlich Daten, Produktionsanlagen kommunizieren untereinander und Wartungsprozesse erfolgen aus der Ferne. Diese digitale Durchdringung steigert zwar Effizienz und Transparenz, eröffnet jedoch gleichzeitig neue Angriffsflächen. Laut TÜV-Studie liefen 10 Prozent der Attacken über Zulieferer oder Kunden – die Lieferkette entwickelt sich also auch zunehmend zum Einfallstor.

Wenn Verfügbarkeit zur Schwachstelle wird

Die Besonderheit industrieller Umgebungen zeigt sich vor allem in ihren Prioritäten. Während IT-Sicherheit primär auf Vertraulichkeit und Integrität von Daten abzielt, steht in der Operational Technology (OT) die Verfügbarkeit im Mittelpunkt. Produktionsprozesse folgen engen Taktungen, Ausfälle verursachen hohe wirtschaftliche Schäden. Ein ungeplanter Stillstand einer Fertigungslinie kann binnen Minuten hohe Kosten auslösen, weshalb Sicherheitsmaßnahmen Stabilität und Kontinuität nicht gefährden dürfen. Genau hier gewinnt Anomalieerkennung im Netzwerken an Bedeutung: Damit lassen sich Abweichungen vom Normalbetrieb früh erkennen, ohne laufende Prozesse zu stören. Erfasst das System verdächtige Aktivitäten, löst es einen Alarm aus. Administratoren können dann unverzüglich Gegenmaßnahmen einleiten.

Zusätzliche Komplexität entsteht durch historisch gewachsene Strukturen. In vielen Anlagen treffen digitale Komponenten auf Systeme, die ursprünglich für abgeschottete Netzwerke entwickelt wurden. Diese Kombination aus Legacy-Anlagen und modernen Systemen erhöht die Angriffsfläche weiter. Klassische IT-Sicherheitskonzepte lassen sich hier nur begrenzt übertragen, da industrielle Netzwerke eigenen Regeln, Protokollen und Echtzeitanforderungen folgen. Anomalieerkennung ist deshalb kein optionales Zusatztool, sondern ein wichtiger Baustein für Detect-and-Respond in OT-Umgebungen. Die Kombination aus passiver Anomalieerkennung in OT-Netzwerken und schnellen Alarmsystemen sorgt dafür, dass Betreiber Bedrohungen nicht nur erkennen, sondern handlungsfähig bleiben.

Regulatorische Vorgaben verschärfen die Situation. Mit Initiativen wie NIS2 oder dem IT-Sicherheitsgesetz steigen die Anforderungen an Nachweisbarkeit, Risikobewertung und Schutzmaßnahmen deutlich. Eine TÜV-Studie zeigt allerdings eine gefährliche Selbstwahrnehmung: 91 Prozent der Unternehmen halten sich für gut geschützt, obwohl nur 22 Prozent Normen konsequent umsetzen. Zugleich sprechen sich 56 Prozent der Befragten für gesetzlich geregelte Pflichten zur IT-Sicherheit aus. Cybersecurity entwickelt sich dadurch von einer rein technischen Fragestellung zu einer strategischen Managementaufgabe, die tief in Unternehmensprozesse hineinwirkt.

Transparenz statt Blindflug

Ein wichtiger Ansatzpunkt liegt in der Schaffung von Transparenz. In vielen Produktionsumgebungen fehlt eine vollständige Übersicht über alle vernetzten Geräte, Steuerungen und Kommunikationsbeziehungen. Ohne dieses Wissen bleibt die tatsächliche Angriffsfläche unsichtbar. Anomalieerkennung setzt genau hier an, indem sie Kommunikationsmuster, Protokolle und Verhaltensabweichungen kontinuierlich auswertet und damit den Normalbetrieb der Anlage sichtbar macht. Eine detaillierte Bestandsaufnahme ermöglicht fundierte Risikoeinschätzungen und gezielte Schutzmaßnahmen. Dabei gewinnen passive Sicherheitsansätze an Bedeutung. Durch die Analyse des Netzwerkverkehrs ohne Eingriff in laufende Prozesse lassen sich Anomalien erkennen, ohne die Stabilität der Produktion zu gefährden. Abweichungen werden dabei direkt an das Alarmsystem übergeben, das die Betreiber in Echtzeit über kritische Ereignisse informiert. Je nach Eskalationsstufe erfolgt dies per Alarm oder Meldung.

Vertiefendes Webinar

Quelle: Imillian | Adobe Stock

IT-Landschaften transparent gestalten

Eine wirksame OT-Sicherheitsstrategie setzt Transparenz voraus. Unternehmen müssen wissen, welche Systeme, Schnittstellen und Abhängigkeiten in ihrer IT- und Produktionslandschaft existieren, um Risiken gezielt bewerten und Schutzmaßnahmen ableiten zu können.

Die Digitalisierungsexperten der Trovarit AG zeigen im Live-Webinar IT-Bebauungsplan – Essentieller Pfeiler einer Digitalisierungs-Roadmap, wie Unternehmen ihre IT-Landschaft strukturiert erfassen, Zusammenhänge sichtbar machen und eine belastbare Grundlage für Digitalisierungs- und Sicherheitsprojekte schaffen.

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Eine klare Segmentierung trägt ergänzend dazu bei, potenzielle Angriffe einzudämmen und ihre Ausbreitung zu verhindern. In OT-Umgebungen ist diese passive Anomalieerkennung besonders wertvoll, weil viele Systeme nicht aktiv abgefragt werden sollten und sich Veränderungen oft nur im Netzwerkverkehr zeigen. Herausfordernd gestaltet sich insbesondere der Umgang mit Schwachstellen. Updates oder Patches lassen sich in industriellen Umgebungen oft nicht kurzfristig umsetzen, da umfangreiche Tests und Freigaben erforderlich sind. In solchen Fällen rücken kompensierende Maßnahmen in den Fokus, etwa kontinuierliches Monitoring, strikte Zugriffskontrollen und intelligente Anomalieerkennung in OT-Netzwerken. Entscheidend für den Erfolg bleibt die Praxistauglichkeit. In vielen Betrieben verantworten nicht spezialisierte Security-Teams die Überwachung, sondern Techniker und Anlagenverantwortliche. Sicherheitslösungen müssen daher verständlich, übersichtlich und handlungsorientiert gestaltet sein, um im Ernstfall schnelle Entscheidungen zu ermöglichen. Derartige Systeme liefern priorisierte Meldungen, die sich auch ohne tiefe Security-Expertise schnell verstehen und umsetzen lassen.

Frühwarnsysteme verhindern Schäden

Besondere Aufmerksamkeit erfordern Fernwartungszugriffe. Externe Dienstleister benötigen regelmäßig Zugriff auf Anlagen. Dadurch entstehen zusätzliche Risiken. Zu den Sicherheitsmaßnahmen zählen klare Zugriffskonzepte, transparente Protokollierung und konsequente Kontrolle dieser Verbindungen. Auch hier unterstützt die Anomalieerkennung, indem sie ungewöhnliche Zugriffe, abweichende Kommunikationsmuster oder unerwartete Protokollaktivitäten sichtbar macht. Insgesamt entwickelt sich OT-Sicherheit zunehmend zu einem strategischen Erfolgsfaktor. Produktionsumgebungen stehen längst im Fokus globaler Cyberbedrohungen, und ihre Absicherung entscheidet nicht nur über den Schutz von Daten, sondern über die Stabilität ganzer Wertschöpfungsketten. Unternehmen, die frühzeitig auf Transparenz, risikobasierte Strategien und auf individuell angepasste Sicherheitskonzepte setzen, sichern sich damit einen wichtigen Vorteil in einer vernetzten Industrie. Anomalieerkennung in OT-Netzwerken wird dabei zum Frühwarnsystem, das Angriffe bereits im Entstehen sichtbar macht. jf


Der Autor

Anomalieerkennung in OT-Netzwerken
Quelle: VIDEC Data Engineering GmbH

Ruben Bay ist Leiter IT/OT Security, Training and Support bei VIDEC Data Engineering GmbH. Er unterstützt Betreiber kritischer Infrastruktur bei Zonenkonzepten, beim Monitoring und bei Systemen zur Angriffserkennung.