Business Software im Umbruch: Was KI-Agenten verändern

KI-Agenten könnten verändern, wie Unternehmen künftig mit ERP, CRM und anderen Fachanwendungen arbeiten. Statt sich für jeden Vorgang durch Menüs und Masken zu bewegen, werden Anwender zunehmend Ziele vorgeben, während Agenten die notwendigen Systeme im Hintergrund koordinieren. Doch was bedeutet das für Business Software? Ein Interview.

KI-Agenten in Business Software
©AndreyPopov | istockphoto.com

Herr Hutter, unter Schlagworten wie „Software Apocalypse“ oder „SaaSpocalypse“ wird derzeit darüber diskutiert, ob KI-Agenten in Business Software klassische Softwarelösungen überflüssig machen könnten. Wie realistisch ist dieses Szenario aus Ihrer Sicht?

Von einer vollständigen Software-Apokalypse würde ich nicht sprechen. Unternehmen werden weiterhin Systeme brauchen, in denen Buchungen, Rechnungen, Verträge oder Personaldaten zuverlässig geführt werden. Verschwinden wird aber zunehmend die Art, wie wir diese Systeme heute bedienen. Ein Mitarbeiter wird künftig nicht mehr fünf Anwendungen öffnen, Daten kopieren und jeden Schritt einzeln ausführen. Er gibt einem KI-Agenten ein Ziel vor und der Agent koordiniert die notwendigen Systeme im Hintergrund. Unter Druck geraten deshalb vor allem Softwarelösungen, deren wesentlicher Wert in Menüs, Masken und einzelnen Standardfunktionen liegt. Die eigentliche Software-Apokalypse betrifft deshalb weniger die technische Basis als die klassische Form der Fachanwendung. Die Zeit, in der Mitarbeiter für jeden Prozess ein eigenes Programm bedienen müssen, geht zu Ende.

Was könnten KI-Agenten in Business Software künftig tatsächlich übernehmen, was heute noch klassische ERP-, CRM-, HR- oder andere Unternehmenssysteme leisten – und wo bleiben diese Systeme unverzichtbar?

KI-Agenten können Aufgaben übernehmen, die heute zwischen verschiedenen Anwendungen liegen: Informationen suchen, Daten übertragen, Vorgänge anlegen, Auswertungen erstellen, Rückfragen stellen und regelbasierte Folgeaktionen auslösen. Im Hotel könnte ein Agent beispielsweise ein Package gleichzeitig im Property-Management-System, in der Buchungsstrecke, auf der Website und auf Vertriebsplattformen anlegen. ERP-, CRM-, HR- und andere Kernsysteme bleiben dort unverzichtbar, wo verbindliche Geschäftsdaten und Transaktionen geführt werden. Eine Rechnung, ein Dienstvertrag oder eine Buchung braucht einen eindeutigen Status, definierte Berechtigungen und eine nachvollziehbare Historie. Der Agent wird zur intelligenten Bedienungs- und Koordinationsschicht. Das Kernsystem bleibt zunächst das verlässliche System of Record.

Viele Unternehmen arbeiten heute mit einer historisch gewachsenen Landschaft aus zahlreichen spezialisierten Anwendungen. Können KI-Agenten diese Fragmentierung überwinden – oder schaffen sie zunächst nur eine zusätzliche technologische Ebene?

Kurzfristig schaffen KI-Agenten tatsächlich eine zusätzliche technologische Ebene. Ob daraus ein Vorteil entsteht, hängt von der Architektur ab. Wenn ein Agent nur über unstrukturierte Oberflächen automatisiert, entsteht eine fragile Lösung. Ändert sich ein Eingabefeld, kann der Ablauf bereits brechen. Nachhaltig überwinden Agenten die Fragmentierung erst, wenn Systeme über dokumentierte Schnittstellen, klare Datenmodelle und einheitliche Identitäten verbunden sind. Dann muss ein Unternehmen nicht sofort seine gesamte Softwarelandschaft ersetzen. Der Agent kann die vorhandenen Systeme orchestrieren und dem Anwender einen einheitlichen Zugang bieten. Ohne Integrationsstrategie wird aus der erhofften Vereinfachung allerdings nur eine weitere Abhängigkeit.

 

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KI-Architektur

Wenn KI zur Orchestrierungsschicht wird

KI-Agenten verändern nicht nur die Bedienung von Business Software, sondern zunehmend auch deren Architektur. Der Fachbeitrag „KI in der Unternehmensarchitektur: Zwischen Embedded AI und übergreifender Business KI-Plattform“ von Peter Treutlein und Dr. Karsten Sontow (beide Trovarit) erkläutert welche Aufgaben im Fachsystem bleiben, welche auf eine übergreifende KI-Ebene wandern – und warum vieles für ein hybrides Modell spricht?

Verlagert sich der eigentliche Wert von Business Software künftig von Funktionen und Benutzeroberflächen hin zu intelligenten Workflows, die Prozesse weitgehend selbstständig steuern? Welche Rolle spielen dabei KI-Agenten in Business Software – und was bedeutet das für die Architektur von Unternehmenssoftware?

Ja. Der Wert verlagert sich von der Anzahl sichtbarer Funktionen hin zur Fähigkeit, einen vollständigen Prozess zuverlässig auszuführen. Ein weiteres Dashboard erzeugt noch keinen betrieblichen Nutzen. Entscheidend ist, ob ein System erkennt, was zu tun ist, die richtigen Informationen beschafft, Aktionen in mehreren Systemen ausführt und bei Unsicherheit den Menschen einbindet. Architektonisch bedeutet das eine stärkere Trennung von Datenhaltung, Fachlogik, Integrationen und Interaktion. Funktionen müssen als klar definierte Services verfügbar sein. Zusätzlich braucht es eine Steuerungsebene für Agenten, Berechtigungen, Protokollierung, Freigaben und Qualitätskontrolle. AI-native Software ist deshalb mehr als bestehende Software mit einem Chatfenster.

Wenn Anwender künftig nicht mehr durch Menüs navigieren, sondern einem KI-Agenten einfach ein Ziel vorgeben: Brauchen Unternehmen dann überhaupt noch klassische Benutzeroberflächen und einzelne Fachanwendungen?

Benutzeroberflächen werden nicht verschwinden, aber ihre Rolle verändert sich. Viele alltägliche Aufgaben lassen sich künftig in natürlicher Sprache erledigen: „Zeig mir alle offenen Angebote über 5.000 Euro” oder “Lege das neue Arrangement in allen Vertriebskanälen an”. Dafür braucht niemand mehr mehrere Menüebenen. Bei komplexen Planungen, sensiblen Entscheidungen, visuellen Auswertungen oder Ausnahmen bleibt eine Oberfläche sinnvoll. Menschen wollen Ergebnisse kontrollieren, Zusammenhänge sehen und bei Bedarf eingreifen. Wir werden daher weniger starre Masken und mehr situative Oberflächen sehen, die der Agent passend zur Aufgabe bereitstellt. Die Fachanwendung bleibt im Hintergrund bestehen, verliert aber ihren exklusiven Zugang zum Prozess.

Generative KI erleichtert die Entwicklung individueller Anwendungen erheblich. Wird „Build statt Buy“ dadurch für Unternehmen zu einer realistischen Alternative – oder werden Aufwand für Betrieb, Wartung, Integration und Governance dabei unterschätzt?

Generative KI senkt die Einstiegshürde für individuelle Software deutlich. Ein Prototyp, für den früher mehrere Wochen nötig waren, kann heute innerhalb weniger Tage entstehen. Das wird Build für kleine, klar abgegrenzte Anwendungen attraktiver machen. Der Prototyp ist allerdings nur ein kleiner Teil der Gesamtkosten. Produktiver Betrieb bedeutet Tests, Security, Monitoring, Dokumentation, Updates, Schnittstellen, Rechteverwaltung und langfristige Verantwortung. Besonders bei geschäftskritischen Prozessen wird dieser Aufwand häufig unterschätzt. Realistisch ist deshalb eher ein hybrides Modell: stabile Kernsysteme kaufen, eigene Differenzierungsprozesse flexibel ergänzen und KI für Entwicklung sowie Orchestrierung einsetzen.

Unternehmenssoftware bildet häufig geschäftskritische Prozesse und Regeln ab, die über Jahre gewachsen sind. Wie zuverlässig können autonome KI-Agenten solche Prozesse ausführen, und wie lässt sich nachvollziehen, warum ein Agent eine bestimmte Entscheidung getroffen oder eine Aktion ausgelöst hat?

Autonomie darf nicht mit unbegrenztem Handlungsspielraum verwechselt werden. Ein Agent kann geschäftskritische Prozesse zuverlässig unterstützen, wenn der erlaubte Aktionsraum klar definiert ist. Bei einer statistischen Abfrage kann er weitgehend autonom arbeiten. Bei einer Zahlung, einer Vertragsänderung oder dem Löschen von Stammdaten braucht es engere Grenzen und gegebenenfalls eine menschliche Freigabe. Jede Aktion muss protokolliert werden: Welche Daten hat der Agent verwendet? Welche Regel oder welches Modell war beteiligt? Welche Systeme wurden verändert? Wo bestand Unsicherheit? Vollständige Erklärbarkeit eines Sprachmodells ist technisch schwierig. Vollständige Nachvollziehbarkeit der ausgelösten Geschäftstransaktion muss trotzdem gewährleistet sein. Dafür braucht es Audit Logs, versionierte Regeln, getestete Werkzeuge und klar definierte Eskalationswege.

Welche Rolle spielen Daten in dieser neuen Softwarewelt? Können KI-Agenten überhaupt ihr Potenzial entfalten, solange Stammdaten, Prozessdaten und Datenmodelle in vielen Unternehmen noch über zahlreiche Systeme und Silos verteilt sind?

Daten sind die eigentliche Grundlage der Agentenökonomie. Ein KI-Agent kann zwar unterschiedliche Quellen durchsuchen, aber er kann widersprüchliche Stammdaten nicht zuverlässig durch Intelligenz kompensieren. Wenn ein Kunde in drei Systemen unterschiedlich geführt wird oder Prozessstatus nicht einheitlich definiert sind, automatisiert der Agent im schlimmsten Fall die bestehende Unordnung. Unternehmen müssen nicht zwingend alle Daten in einem einzigen System zusammenführen. Sie brauchen aber eindeutige Verantwortlichkeiten, gemeinsame Identitäten, definierte Datenmodelle und verlässliche Zugriffswege. Der Agent muss wissen, welches System für welche Information maßgeblich ist. Datenqualität wird damit von einem IT-Thema zu einer unmittelbaren Voraussetzung für operative Automatisierung.

Mit stärker autonom agierenden Systemen gewinnen Fragen zu Datenschutz, Compliance, Berechtigungen und digitaler Souveränität an Bedeutung. Welche neuen Risiken entstehen, wenn KI-Agenten nicht nur Informationen liefern, sondern selbstständig Transaktionen und Geschäftsprozesse ausführen?

Das Risikoprofil verändert sich erheblich, sobald ein Agent handeln darf. Ein falscher Textvorschlag kann korrigiert werden. Eine falsch ausgelöste Zahlung, eine unzulässige Datenweitergabe oder eine massenhafte Änderung von Kundendaten hat unmittelbare Folgen. Unternehmen brauchen deshalb Berechtigungen nach dem Prinzip der geringsten notwendigen Rechte, getrennte Rollen, Transaktionslimits und Freigabestufen. Agenten dürfen Zugriffe nicht automatisch weitervererben. Besonders kritisch sind manipulierte Inhalte, über die ein Agent zu unerwünschten Aktionen verleitet wird, sowie unkontrollierte Zugriffe auf externe Dienste. Digitale Souveränität bedeutet in diesem Zusammenhang auch, jederzeit zu wissen, wo Daten verarbeitet werden, welche Modelle beteiligt sind und wie ein Agent gestoppt werden kann.

Wenn wir fünf bis zehn Jahre vorausblicken: Welche Arten von Business Software werden Ihrer Einschätzung nach weiterhin bestehen – und bei welchen Anwendungen ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, dass sie durch KI-Agenten ersetzt oder vollständig neu gedacht werden?

Wer heute behauptet, die Softwarewelt der nächsten fünf bis zehn Jahre verlässlich vorhersagen zu können, unterschätzt die Geschwindigkeit der aktuellen Entwicklung. Ich halte derzeit Prognosen über sechs bis zwölf Monate für einigermaßen belastbar. Alles darüber hinaus sind Szenarien. Eine zentrale Erkenntnis aus meinen Gesprächen am MIT war gerade, dass selbst führende Experten nicht wissen, welche Modelle, Agentenarchitekturen und Geschäftsmodelle sich letztlich durchsetzen werden.

Ich gehe allerdings davon aus, dass Unternehmen künftig nicht nur weniger einzelne Anwendungen, sondern tatsächlich weniger fest programmierte Softwarelogik benötigen werden. Heute werden Prozesse mit zahlreichen Masken, Regeln, Workflows und Sonderfällen hart codiert. Agenten können viele dieser Abläufe künftig situativ planen, Entscheidungen im Rahmen klarer Vorgaben treffen und vorhandene Werkzeuge selbstständig kombinieren. Softwarelogik verschwindet damit nicht vollständig, aber sie verändert sich grundlegend. Wichtiger werden verlässliche Datenmodelle, Transaktionssicherheit, Identitäten, Berechtigungen, Policies, Kontrollmechanismen und Auditierbarkeit. Weniger wichtig werden fest verdrahtete Prozessketten und immer neue Spezialmasken. Wie schnell diese Entwicklung voranschreiten kann, zeigt die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate. Sie hat angekündigt, innerhalb von zwei Jahren 50 Prozent ihrer Regierungsbereiche, Dienstleistungen und Abläufe auf Agentic AI für autonomere Ausführung und Entscheidungsprozesse umzustellen. Erste spezialisierte Agenten für Beschaffung, Steuerprüfung, Bürgerservice und technischen Support wurden bereits gestartet. Deshalb würde ich heute keine Liste von Softwarekategorien erstellen, die im Jahr 2035 garantiert noch bestehen. Wahrscheinlicher ist, dass Business Software von einem Bündel fest programmierter Funktionen zu einer kontrollierten Infrastruktur wird, auf der Agenten Ziele weitgehend selbstständig umsetzen. Welche heutigen Anwendungen dabei verschwinden, lässt sich seriös noch nicht vorhersagen.

Im Interview

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