Wenn Informationen ihre Systemgrenzen verlassen
Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in die Business Software. ERP-, CRM- oder MES-Anbieter erweitern ihre Lösungen um eigene KI-Funktionen. Parallel dazu entstehen übergreifende Plattformen und Assistenten, die Informationen aus mehreren Anwendungen zusammenführen. Für Anwender ist das zunächst komfortabel: Statt verschiedene Systeme einzeln zu durchsuchen, können sie Informationen über eine gemeinsame KI-gestützte Oberfläche erschließen.
Damit entsteht jedoch eine neue Herausforderung. In klassischen Systemlandschaften ist vergleichsweise eindeutig, wo bestimmte Informationen liegen, welches System für sie führend ist und wer Zugriff auf diese Daten hat. Das ERP verwaltet beispielsweise Angebote, Aufträge und Finanzbuchungen während im CRM Kunden- und Kontaktstammdaten und im MES Informationen über den aktuellen Zustand der Produktion geführt werden. Greift eine KI über mehrere dieser Systeme hinweg auf Informationen zu, treten die Grenzen zwischen den Anwendungen für den Anwender in den Hintergrund. Für die KI-Architektur bedeutet das: Es muss nachvollziehbar bleiben, aus welcher Quelle eine Information stammt und welches System dafür verbindlich ist.
Was eine tragfähige KI-Architektur leisten muss
Die Herausforderung liegt sowohl in der technischen Verbindung unterschiedlicher Informationsquellen als auch im kontrollierten Zugriff auf deren Inhalte. Unternehmensinformationen verteilen sich heute auf Datenbanken, Fachanwendungen, Dokumente, E-Mails oder Kollaborationsplattformen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Aktualität, Struktur, Berechtigungen und Verbindlichkeit. Eine KI muss diese Unterschiede berücksichtigen können: Sie benötigt nicht nur Zugriff auf relevante Informationen, sondern auch den Kontext, in dem sie entstanden sind und verwendet werden dürfen.
Datentransparenz bekommt damit eine neue Bedeutung. Es reicht nicht mehr, Informationen technisch verfügbar zu machen. Entscheidend ist, dass Herkunft, Aktualität, Zugriffsrechte und fachlicher Kontext auch bei einer systemübergreifenden KI-Nutzung nachvollziehbar bleiben. Je stärker KI anwendungsübergreifend arbeitet, desto wichtiger wird eine klar strukturierte Systemlandschaft.
Business Software bleibt die verbindliche Basis
Das spricht keineswegs dafür, ERP, CRM, MES oder PLM künftig in den Hintergrund zu drängen. Im Gegenteil: Gerade wenn KI Informationen systemübergreifend erschließt, braucht sie verlässliche Quellen. Fachsysteme bleiben deshalb entscheidend für Stammdaten, Zustände, Geschäftslogik und Transaktionen. KI kann diese Informationen zusammenführen, interpretieren und für neue Formen der Unterstützung nutzbar machen – ihre Verbindlichkeit entsteht jedoch weiterhin in den zugrunde liegenden Systemen.
Damit rückt zunehmend die KI-Architektur in den Mittelpunkt: Unternehmen müssen entscheiden, wie Fachsysteme und übergreifende KI-Fähigkeiten zusammenspielen sollen, ohne Transparenz, Governance und Verantwortlichkeiten zu verlieren.