Die MENTOR GmbH & Co. Präzisions-Bauteile KG entwickelt und produziert integrierte Lichtlösungen und HMI-Komponenten für Industrie und Automobilwirtschaft. Neben dem Hauptsitz in Erkrath unterhält das Unternehmen weitere Standorte unter anderem in Pforzheim, Polen, Tunesien und China. In Deutschland beschäftigt MENTOR mehr als 200 Mitarbeitende. Seit 2006 bildet das Unternehmen seine zentralen Geschäftsprozesse mit Proalpha ERP ab.
Nach rund zwei Jahrzehnten steht nun ein größerer Technologiesprung an: MENTOR wechselt auf Proalpha Version 9.5 und verlagert das ERP gleichzeitig in die Cloud. Bemerkenswert ist dabei weniger der reine Releasewechsel als die Entscheidung, die bestehende Umgebung nicht einfach technisch zu modernisieren. Vor diesem Hintergrund umfasst die ERP-Modernisierung auch die grundlegende Überprüfung von Prozessen, Datenbeständen und Individualanpassungen.
Internationale Prozesse brauchen eine gemeinsame Basis
Das ERP-System bildet bei MENTOR große Teile der Wertschöpfung ab. Der Order-to-Cash-Prozess reicht von der Vertriebsanfrage über Beschaffung, Entwicklung und Produktion bis zum Versand. Auch Planung und Terminierung erfolgen standortübergreifend über das System. Für das Automotive-Geschäft nutzt das Unternehmen zusätzlich branchenspezifische Funktionen.
Die internationale Organisation bringt allerdings zusätzliche Anforderungen mit sich. Die einzelnen Standorte arbeiten mit eigenen Mandanten. Stammdaten wie Teileinformationen oder Lieferbedingungen werden zentral am Hauptsitz gepflegt und anschließend in die Werke repliziert. Belege zwischen den Niederlassungen werden weitgehend automatisiert übertragen. Im Zuge des Releasewechsels soll die bisher eingesetzte Integration Workbench perspektivisch durch EDI abgelöst werden.
Damit wird deutlich: Der Wechsel betrifft nicht nur die technische ERP-Plattform. MENTOR muss gleichzeitig klären, welche Prozesse künftig vereinheitlicht, welche Daten zentral geführt und welche Funktionen innerhalb beziehungsweise außerhalb des ERP-Systems abgebildet werden sollen.
Individualisierung wird zum Prüfstein
Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist der Rückbau historisch gewachsener Anpassungen. Nach Angaben des Unternehmens gab es früher rund 100 individuelle Systemanpassungen. Davon sind aktuell nur noch zwei übrig, eine weitere soll ebenfalls zurückgebaut werden. So kam Mentor bereits nach eigener Aussage vollständig ohne Individualanpassungen aus, als MENTOR eine Tochtergesellschaft aus der bestehenden ERP-Hauptinstallation herauslöste und in einer eigenen Installation neu aufsetzte.
Das Beispiel verdeutlicht ein typisches Thema langjährig genutzter ERP-Systeme: Über Jahre entstehen Erweiterungen und Sonderlösungen, die ursprünglich konkrete Anforderungen erfüllen sollten. Bei größeren Releasewechseln können sie jedoch zusätzlichen Test-, Wartungs- und Migrationsaufwand verursachen.
MENTOR verfolgt deshalb einen stärker standardorientierten Ansatz. Funktionen, die sich nicht sinnvoll im ERP-Kern abbilden lassen, sollen über spezialisierte Systeme ergänzt werden. Als Beispiele nennt das Unternehmen Qualitätssicherung und operative Fertigungssteuerung. Solche Anwendungen lassen sich über REST-Schnittstellen anbinden. Ziel ist eine Architektur, in der das ERP den Kern bildet, ohne zwangsläufig jede Spezialfunktion selbst abzudecken.
ERP-Modernisierung mit Greenfield-Ansatz
Parallel zum ERP-Projekt hat MENTOR seine Geschäftsprozesse in einem internen Change-Projekt neu bewertet. Ein externes Beratungsunternehmen unterstützte dabei, Prozesse gemeinsam mit den Fachbereichen zu analysieren, zu optimieren und zu dokumentieren. Die Ergebnisse sollen nun unmittelbar in die neue ERP-Umgebung einfließen.
Statt sämtliche bestehenden Daten und Strukturen in die neue Version zu übernehmen, verfolgt das Unternehmen einen selektiven Greenfield-Ansatz. Die neue Umgebung startet auf Basis des ERP-Standards. Anschließend werden nur solche Daten übernommen, die für den operativen Betrieb oder aufgrund gesetzlicher Vorgaben benötigt werden. Dazu gehören beispielsweise Teile- und relevante Stammdaten.
Damit verbindet MENTOR den Releasewechsel mit einer Bereinigung der bestehenden Umgebung. Der Ansatz unterscheidet sich von einer klassischen technischen Migration, bei der Prozesse, Datenbestände und Anpassungen weitgehend unverändert in die neue Systemgeneration überführt werden.