Industrielle KI: Was Unternehmen für den produktiven Einsatz brauchen

Die Bundesregierung will die Entwicklung industrieller Künstlicher Intelligenz in Deutschland vorantreiben. Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) sieht darin große Chancen für den Industriestandort – macht zugleich aber deutlich: Entscheidend ist nicht allein die technologische Leistungsfähigkeit. Unternehmen brauchen verlässliche Daten und Prozesse, sichere Architekturen, offene Schnittstellen und wirtschaftlich tragfähige Einsatzszenarien.

industrielle KI
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Im Rahmen des „Invest in Germany Summit“ am 19. und 20. Oktober 2026 in Berlin hat die Bundesregierung wichtige Impulse für industrielle Künstliche Intelligenz (KI) gesetzt. Die DSAG begrüßt die angekündigten Investitionen und die Zusammenarbeit mit NVIDIA zur Entwicklung industrieller KI-Modelle und Physical AI. Industrielles Know-how und leistungsfähige KI bieten große Chancen für den Industriestandort Deutschland. Zugleich mahnt der Verband, dass KI-Szenarien nur mit sicheren, souveränen, interoperablen und wirtschaftlich nutzbaren Lösungen realisiert werden können. Auch die Unternehmen selbst sind gefordert: Sie müssen ihre Daten und Prozesse so aufstellen, dass sie KI sinnvoll nutzen können.

„Deutschland verfügt über eine enorme industrielle Kompetenz, hochspezialisierte Unternehmen und über Jahrzehnte gewachsenes Prozesswissen. Diese Stärken müssen wir jetzt mit den Möglichkeiten moderner KI-Technologien verbinden“, sagt Thomas Henzler, DSAG-Vorstandsvorsitzender. Die Initiative der Bundesregierung sei deshalb ein wichtiger Schritt. „Wir stehen möglicherweise am Beginn einer neuen industriellen Revolution, bei der nicht mehr allein die Automatisierung einzelner Abläufe, sondern zunehmend die intelligente und autonome Steuerung ganzer Wertschöpfungsketten im Mittelpunkt steht“, erklärt Henzler.

Die Verbindung von KI und Robotik – Physical AI – kann aus Sicht der DSAG für Deutschland als Land der Maschinen- und Anlagenbauer zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden. So kann die industrielle Nutzung von KI Möglichkeiten für den Mittelstand eröffnen, produktiver und wettbewerbsfähiger zu werden, dem Fachkräftemangel zu begegnen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Gleichzeitig sind Unternehmen angesichts der rasanten technologischen Entwicklung gefordert, gezielt in Qualifizierung und Ausbildung zu investieren, damit Beschäftigte KI-Systeme sicher einsetzen und steuern können.

KI muss in Geschäftsprozesse integriert werden

SAP-Systeme bilden in zahlreichen Industrieunternehmen das digitale Rückgrat wesentlicher Geschäftsprozesse – von Entwicklung und Beschaffung über Produktion und Logistik bis hin zu Vertrieb, Service und Instandhaltung. Für den wirtschaftlichen Einsatz industrieller KI kommt es deshalb darauf an, neue KI-Funktionen mit bestehenden Unternehmensdaten und Geschäftsprozessen zu verbinden.

Mit ihrer Industry-AI-Strategie verfolgt SAP das Ziel, branchenspezifisches Prozesswissen, Unternehmensdaten und KI-Agenten miteinander zu verbinden. Auch die Zusammenarbeit des Software-Herstellers mit NVIDIA und die Industrial-AI-Cloud-Initiative zeigen, wie sich technologische Infrastruktur und industrielle Anwendungen zunehmend verzahnen. „Entscheidend ist, dass KI nicht isoliert betrachtet wird, sondern direkt in die Geschäftsprozesse eingebunden ist. Erst wenn KI auf verlässliche Unternehmensdaten und den entsprechenden Geschäftskontext zugreifen kann, entsteht ein echter wirtschaftlicher Mehrwert“, so Henzler. Aus Sicht der DSAG muss dabei gewährleistet sein, dass entsprechende Lösungen offen, interoperabel und für Unternehmen unterschiedlicher Größenordnungen wirtschaftlich nutzbar bleiben.

Industrielle KI braucht belastbare Grundlagen

Zugleich mahnt die DSAG zu Realismus: Zwischen den Zielbildern und der betrieblichen Wirklichkeit vieler Anwenderunternehmen besteht noch eine erhebliche Lücke, wie die Ergebnisse des DSAG-Investitionsreports 2026 belegen. Bevor Prozesse autonom laufen können, müssen viele Unternehmen zunächst die Grundlagen schaffen: konsistente Stammdaten, harmonisierte Prozesse, ein modernisiertes ERP-Fundament mit möglichst standardnahem Kern und die notwendigen Kompetenzen in ihren Teams. Denn: „KI ist nur so gut wie die Daten und Prozesse, auf denen sie aufsetzt.“

Damit verschiebt sich die Herausforderung vom reinen Zugang zu KI-Technologien zunehmend auf deren tatsächliche Einsatzfähigkeit. Unternehmen müssen zunächst klären, welche Daten verfügbar sind, wie belastbar ihre Prozesse funktionieren und an welchen Stellen ein KI-Einsatz einen messbaren Nutzen verspricht.

Wachsende Anforderungen an IT-Sicherheit

Je autonomer die KI-Systeme werden, desto stärker wachsen die Anforderungen an IT-Sicherheit. KI-Agenten, die eigenständig Entscheidungen vorbereiten, Geschäftsprozesse ausführen oder mit physischen Systemen wie Maschinen und Robotern interagieren, müssen sicher, nachvollziehbar und kontrollierbar arbeiten.

Konkret bedeutet das aus Sicht der DSAG, dass Identitäten und Berechtigungen für KI-Agenten sicher sein müssen, sensible Unternehmens- und Produktionsdaten geschützt sind sowie eine technische Überwachung gewährleistet und das autonome Handeln von KI-Systemen begrenzt werden kann.„Sicherheit darf kein nachgelagerter regulatorischer Prozess sein, sondern muss technisch in den Architekturen und Lösungen verankert werden. Nur so schaffen wir die notwendige Vertrauensbasis für eine breite industrielle Nutzung“, betont Henzler.

Die DSAG setzt sich deshalb für verbindliche Sicherheitsstandards, transparente KI-Architekturen sowie eine konsequente Integration von Security und Governance in die Weiterentwicklung von SAP Business AI ein. Zugleich warnt der Verband, dass KI-Agenten auch von Angreifern für Cyber-Angriffe genutzt werden können.

Offenheit und Interoperabilität statt neuer Silos

Damit KI-Modelle, Agenten, Unternehmensanwendungen und industrielle Systeme über Hersteller- und Plattformgrenzen hinweg zusammenarbeiten können, braucht es offene Schnittstellen, standardisierte Integrationsmechanismen und langfristig verlässliche Architekturen. „Wir dürfen die nächste industrielle Revolution nicht durch neue technologische Silos ausbremsen. Unternehmen müssen unterschiedliche KI-Technologien miteinander verbinden und ihre Architekturen flexibel weiterentwickeln können. Das gilt für SAP ebenso wie für andere Anbieter. Als DSAG werden wir gemeinsam mit SAP an praxisgerechten Lösungen arbeiten“, erklärt Henzler.

Neben technischer Offenheit bleibt dabei der wirtschaftliche Nutzen entscheidend. Viele Unternehmen investieren gleichzeitig in die Modernisierung ihrer bestehenden IT-Landschaften und in neue KI-Technologien. Zusätzliche KI-Investitionen müssen deshalb durch konkrete Anwendungsfälle und nachvollziehbare Mehrwerte begründbar sein. „Der wirtschaftliche Nutzen muss anhand konkreter Anwendungsfälle nachweisbar sein“, so Henzler.

 

vertiefung
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Digitale Souveränität als Leitplanke

Die angekündigten Kooperationen zwischen der Bundesregierung und NVIDIA, zwischen SAP und NVIDIA sowie im Rahmen der Industrial-AI-Cloud-Initiative bündeln Rechenleistung, KI-Modelle und Plattformen bei wenigen, teils außereuropäischen Anbietern. „Diese Partnerschaften dürfen nicht zu neuen einseitigen Abhängigkeiten führen“, mahnt Henzler. Unternehmen müssen weiterhin selbst bestimmen dürfen, wo ihre Daten verarbeitet werden, welche KI-Modelle eingesetzt werden und wie sie bei Bedarf Anbieter oder Plattform wechseln können.

Dazu gehört aus DSAG-Sicht auch, dass die Daten im europäischen Raum verarbeitet werden und Vertrags- und Lizenzbedingungen transparent sind. KI-Innovationen müssen auch in On-Premises- und hybriden Szenarien nutzbar sein und dürfen nicht ausschließlich an bestimmte Cloud-Verträge gebunden sein. „Kooperationen mit internationalen Technologieführern sind wichtig, um bei industrieller KI Tempo aufzunehmen. Sie müssen aber so gestaltet sein, dass die Unternehmen die Kontrolle über Daten, Prozesswissen und Architekturentscheidungen behalten. Insbesondere das industrielle Prozesswissen ist Kern unserer Wettbewerbsfähigkeit – es darf nicht unkontrolliert in fremde Modelle und Plattformen abfließen“, sagt Henzler.

Die DSAG erwartet von SAP und den beteiligten Partnern, Souveränitätsanforderungen von Beginn an in ihren Angeboten zu berücksichtigen und offenzulegen, welche Daten wo und unter welcher Rechtsordnung verarbeitet werden. An die Politik appelliert der Industrieverband gleichzeitig, mit den angekündigten Investitionen europäische Infrastrukturen und offene Standards gezielt zu stärken.

Vom technologischen Potenzial zum produktiven Einsatz

Die DSAG sieht in der Initiative der Bundesregierung eine Chance, die Zusammenarbeit zwischen Politik, Forschung, Industrie und Technologieunternehmen zu intensivieren. „Was es jetzt braucht, sind verbindliche Umsetzungspläne, messbare Ziele und Förderinstrumente, die auch für mittelständische Unternehmen ohne großen bürokratischen Aufwand zugänglich sind“, so Henzler. „Regulierung sollte dort ansetzen, wo Risiken entstehen – nicht bei der Technologie als Ganzes. Zugleich darf sie offene und alternative Anbieter nicht verdrängen oder bestehende Abhängigkeiten verfestigen.“

Damit entscheidet sich der Erfolg industrieller KI nicht allein an Rechenleistung oder leistungsfähigen Modellen. Erst das Zusammenspiel aus belastbaren Daten und Prozessen, geeigneten Anwendungsfällen, sicheren Architekturen, offenen Schnittstellen und klarer Governance schafft die Voraussetzungen dafür, KI dauerhaft in industrielle Wertschöpfung zu integrieren. bs

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