Datensouveränität stellt neue Anforderungen an ERP-Systeme

In der Shared Sovereignty bündeln mehrere Unternehmen ihre IT-Ressourcen, um gemeinsam Datensouveränität zu erlangen. Kosten und Aufwand verteilen sich auf alle Partner. Betriebswirtschaftliche Software (ERP) und eine Verwaltungsschale regeln die Details der Zugriffsrechte.

Datenschutz
©carloscastilla, istock.com

Mit der europäischen Ökodesign-Verordnung und dem darauf aufbauenden Digitalen Produktpass verändert sich die Datenpraxis der Fertigungsindustrie. Beim Produktpass sind Automobilzulieferer, Maschinenbauer und Elektronikhersteller zwingend auf verlässliche und standardisierte Daten ihrer Vorlieferanten angewiesen. Sie reichern diese Informationen mit den eigenen Produktionsdaten an und geben sie an den nächsten Akteur in der Kette weiter. Am Ende ist der fertige Produktpass ein Gemeinschaftswerk aller Partner entlang der Kette.

Gleichzeitig zwingen die zunehmende Cyberkriminalität und gezielte Industriespionage Unternehmen dazu, ihr digitales Prozesswissen so gut wie möglich zu schützen. Im Spannungsfeld zwischen Offenlegungspflicht und Wahrung von Betriebsgeheimnissen hat sich inzwischen ein neues industrielles Prinzip etabliert: die sogenannte Shared Sovereignty, zu deutsch: geteilte Souveränität. Dieses Schlagwort bezeichnet ein Konzept, bei dem sich mehrere Akteure die Hoheitsrechte und Zuständigkeiten über Daten und IT-Systeme teilen.

Der Alleingang wird zur Sackgasse

Eine vollständig eigenständige Daten- und Cloud-Infrastruktur aufzubauen, übersteigt für die meisten mittelständischen Betriebe schlicht deren verfügbare Mittel. Die nötigen Investitionen sind ohnehin schon hoch, und auch die laufenden Betriebskosten wachsen stetig. Zertifizierungen nach Gaia-X oder den Kriterien des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik verlangen zudem regelmäßige Audits und binden über Monate hinweg Fachpersonal, das dann an anderer Stelle im Tagesgeschäft schmerzlich fehlt. Hinzu kommt, dass qualifizierte IT-Kräfte ohnehin schon knapp sind, und das trifft ausgerechnet Open-Source-Lösungen besonders hart. Ihr offener Quellcode macht sie zwar grundsätzlich vertrauenswürdig, weil sich jeder Schritt darin nachvollziehen lässt, doch genau deshalb braucht ihr Betrieb überdurchschnittliches Fachwissen, an dem es vielen Unternehmen fehlt. In der Summe wird der digitale Alleingang für viele Unternehmen so zur wirtschaftlichen Sackgasse.

Kosten und Kontrolle lassen sich teilen

Genau hier setzt der Gedanke der Shared Sovereignty an. Betriebe einer Branche oder Region schließen sich zu gemeinsamen Cloud-Ökosystemen zusammen, die von vornherein auf ihre fachlichen und regulatorischen Anforderungen zugeschnitten sind. Diese Rechnung geht deshalb auf, weil sich Zertifizierungsaufwand und Infrastrukturkosten auf viele Schultern verteilen. Ein einzelnes Unternehmen muss damit nicht mehr jede Prüfung selbst durchlaufen, sondern kann einem bereits abgesicherten Verbund beitreten. Wer sich anschließt, der behält dabei die volle Kontrolle über die eigenen Daten, denn eine integrierte Data Governance stellt sicher, dass jedes Mitglied weiterhin selbst über deren Nutzung bestimmt.

Manufacturing-X liefert den technischen Rahmen

In der Fertigungsindustrie trägt die Brancheninitiative Manufacturing-X den Gedanken geteilter Souveränität in die Praxis. Anstatt Produktionsdaten auf einem gemeinsamen Server abzulegen, laufen sie direkt zwischen den beteiligten Partnern hin und her, sodass jedes Unternehmen die rechtliche und tatsächliche Kontrolle über seine eigenen Datensätze behält. Damit zwei Fabriken dieselben Angaben, etwa zu CO₂-Werten oder Materialeigenschaften, auch wirklich gleich verstehen, ist ein gemeinsames Vokabular notwendig. Genau dafür sorgt ein einheitliches digitales Abbild, die sogenannte Verwaltungsschale, die für jedes Bauteil und jede Maschine dieselben Merkmale in maschinenlesbarer Form hinterlegt. Erst darüber lässt sich regeln, wer zur Nutzung welcher Daten überhaupt berechtigt ist. Digitale Nutzungsverträge legen fest, zu welchem Zweck und für wie lange ein bereitgestellter Datensatz verarbeitet werden darf.

Wie das genau aussieht, unterscheidet sich je nach Branche deutlich. In der Automobilindustrie hat sich mit Catena-X ein einheitlicher, streng genormter Datenraum durchgesetzt, während der vom Mittelstand geprägte Maschinen- und Anlagenbau mit smartMA-X auf eine vergleichsweise flexible Lösung setzt, die individuelle Maschinenkonfigurationen berücksichtigt, ohne dass ein Hersteller sein Prozesswissen preisgeben muss.

KI-Agenten verschärfen die Souveränitätsfrage

Durch den Vormarsch agentenbasierter Künstlicher Intelligenz wächst die Dringlichkeit der Souveränitätsfrage. Gartner geht davon aus, dass bis Ende 2026 rund 40 Prozent aller Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische Agenten enthalten werden. Sobald solche Agenten unternehmensübergreifend arbeiten, rückt eine zentrale Frage der Datensouveränität in den Vordergrund: Welche Daten darf ein fremder KI-Agent einsehen und wer kontrolliert diesen Zugriff?

Dieselbe Logik, die Manufacturing-X zwischen Unternehmen durchsetzt, ist dann auch innerhalb der eigenen Firmenmauern relevant. Das ERP-System muss klar regeln, auf welche internen Daten ein Agent zugreifen darf, in welchem Prozesskontext er agiert und welche Freigaben dafür erforderlich sind. ERP-Anbieter entwickeln vor diesem Hintergrund genau jene Rollen-, Regel- und Protokollmechanismen, die eine kontrollierte Öffnung nach außen technisch überhaupt erst möglich machen.

vertiefung
Vertiefung
ERP-Auswahl vorbereiten

Anforderungen an das ERP frühzeitig definieren

Datensouveränität, unternehmensübergreifender Datenaustausch und KI-Agenten stellen neue Anforderungen an ERP-Systeme.

Dr. Volker Liestmann von der Trovarit AG zeigt im Fachbeitrag „ERP-Auswahl fundiert vorbereiten“, wie Unternehmen Ziele, Anforderungen und Anwendungsszenarien strukturiert definieren und damit die Grundlage für eine belastbare ERP-Entscheidung schaffen.

Datensicherheit entsteht nicht durch Abschottung

Am Ende laufen die Ansätze auf denselben Grundgedanken hinaus: Datensicherheit entsteht durch kontrollierte Öffnung, nicht durch Abschottung. Wer seine Daten sicher, standardisiert und nachvollziehbar teilen kann, der wird in globalen Lieferketten zum bevorzugten Partner, während allen anderen der Marktausschluss droht. Egal, ob Daten nach außen in einen föderativen Datenraum fließen oder nach innen an einen KI-Agenten übergeben werden – wie souverän sie sich nutzen lassen, hängt letztlich von der Qualität der eigenen Datenbasis ab. jf

Der Autor

Verwandte Artikel

Alle 14 Tage von unserer Redaktion in Ihr Postfach.

Management Summary ERP in der Praxis 2026
Whitepaper
ERP in der Praxis 2026/2027 – Anwenderzufriedenheit, Nutzen & Perspektiven
Whitepaper
IT-Matchmaker®.guide ERP-Lösungen 2026

Der ERP-Guide bietet einen strukturierten Überblick über den ERP-Markt, inkl. Fachartikeln, Marktübersichten, Unternehmensprofilen & Success Stories.

04.12.2026 | 10:00 – 10:45 Uhr | Live-Webinar
Tipps & Strategien für zukunftssichere ERP-Projekte
Zukunftssichere ERP-Projekte planen: Das Webinar zeigt Strategien zu KI, Cloud und No-/Low-Code sowie Wege, typische Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

ERP-Lösungen finden

Sie suchen eine passende ERP-Lösung?

Vergleichen Sie geeignete Systeme anhand Ihrer Anforderungen.

Mehr zum Thema

KI und MES: So entsteht die intelligente Produktion

5 Hürden behindern KI-Projekte in der Produktion

MES als Ergebnishebel: Wenn aus kleinen Störungen große Kosten werden

Information

Vielen Dank für Ihre Webinaranmeldung.

Wir prüfen die Verfügbarkeit und senden Ihnen in Kürze eine Mail mit den Webinardaten.

Information

Vielen Dank. Sie erhalten in Kürze eine E-Mail mit dem Link zur Vollendung der Anmeldung für unser Webinar.

Information

Alle Downloads sind jetzt freigeschaltet.

Wir haben Ihnen soeben einen Freischaltlink geschickt, mit dem Sie in Zukunft ohne erneute Registrierung auf alle Downloads zugreifen können.

Information

Vielen Dank. Sie erhalten in Kürze eine E-Mail mit dem Link zum Abschluss der Registrierung für unser Download-Center.

Abschluss der Webinaranmeldung

Ihre gewählten Webinare

Anmeldung Webinare

Sie haben die folgenden Webinare ausgewählt:

Sie wollen Sich für mehrere Webinare gleichzeitig anmelden? Dann klicken Sie auf 'Weitere Webinare anzeigen‘ und setzen für jeden Termin einen Haken.

Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an. Wir schicken Ihnen einen Bestätigungslink per Mail. Bitte folgen Sie diesem Link, um die Anmeldung abzuschließen. Der Link verliert seine Gültigkeit nach 3 Tagen.

Fehler

Der Link ist nicht mehr gültig

Bitte starten Sie die Registrierung / Anmeldung erneut.

Abschluss der Registrierung
Download-Freischaltung

Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an. Wir schicken Ihnen einen Bestätigungslink per Mail. Bitte folgen Sie diesem Link, um die Registrierung abzuschließen. Der Link verliert seine Gültigkeit nach 3 Tagen.