Mit der europäischen Ökodesign-Verordnung und dem darauf aufbauenden Digitalen Produktpass verändert sich die Datenpraxis der Fertigungsindustrie. Beim Produktpass sind Automobilzulieferer, Maschinenbauer und Elektronikhersteller zwingend auf verlässliche und standardisierte Daten ihrer Vorlieferanten angewiesen. Sie reichern diese Informationen mit den eigenen Produktionsdaten an und geben sie an den nächsten Akteur in der Kette weiter. Am Ende ist der fertige Produktpass ein Gemeinschaftswerk aller Partner entlang der Kette.
Gleichzeitig zwingen die zunehmende Cyberkriminalität und gezielte Industriespionage Unternehmen dazu, ihr digitales Prozesswissen so gut wie möglich zu schützen. Im Spannungsfeld zwischen Offenlegungspflicht und Wahrung von Betriebsgeheimnissen hat sich inzwischen ein neues industrielles Prinzip etabliert: die sogenannte Shared Sovereignty, zu deutsch: geteilte Souveränität. Dieses Schlagwort bezeichnet ein Konzept, bei dem sich mehrere Akteure die Hoheitsrechte und Zuständigkeiten über Daten und IT-Systeme teilen.
Der Alleingang wird zur Sackgasse
Eine vollständig eigenständige Daten- und Cloud-Infrastruktur aufzubauen, übersteigt für die meisten mittelständischen Betriebe schlicht deren verfügbare Mittel. Die nötigen Investitionen sind ohnehin schon hoch, und auch die laufenden Betriebskosten wachsen stetig. Zertifizierungen nach Gaia-X oder den Kriterien des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik verlangen zudem regelmäßige Audits und binden über Monate hinweg Fachpersonal, das dann an anderer Stelle im Tagesgeschäft schmerzlich fehlt. Hinzu kommt, dass qualifizierte IT-Kräfte ohnehin schon knapp sind, und das trifft ausgerechnet Open-Source-Lösungen besonders hart. Ihr offener Quellcode macht sie zwar grundsätzlich vertrauenswürdig, weil sich jeder Schritt darin nachvollziehen lässt, doch genau deshalb braucht ihr Betrieb überdurchschnittliches Fachwissen, an dem es vielen Unternehmen fehlt. In der Summe wird der digitale Alleingang für viele Unternehmen so zur wirtschaftlichen Sackgasse.
Kosten und Kontrolle lassen sich teilen
Genau hier setzt der Gedanke der Shared Sovereignty an. Betriebe einer Branche oder Region schließen sich zu gemeinsamen Cloud-Ökosystemen zusammen, die von vornherein auf ihre fachlichen und regulatorischen Anforderungen zugeschnitten sind. Diese Rechnung geht deshalb auf, weil sich Zertifizierungsaufwand und Infrastrukturkosten auf viele Schultern verteilen. Ein einzelnes Unternehmen muss damit nicht mehr jede Prüfung selbst durchlaufen, sondern kann einem bereits abgesicherten Verbund beitreten. Wer sich anschließt, der behält dabei die volle Kontrolle über die eigenen Daten, denn eine integrierte Data Governance stellt sicher, dass jedes Mitglied weiterhin selbst über deren Nutzung bestimmt.
Manufacturing-X liefert den technischen Rahmen
In der Fertigungsindustrie trägt die Brancheninitiative Manufacturing-X den Gedanken geteilter Souveränität in die Praxis. Anstatt Produktionsdaten auf einem gemeinsamen Server abzulegen, laufen sie direkt zwischen den beteiligten Partnern hin und her, sodass jedes Unternehmen die rechtliche und tatsächliche Kontrolle über seine eigenen Datensätze behält. Damit zwei Fabriken dieselben Angaben, etwa zu CO₂-Werten oder Materialeigenschaften, auch wirklich gleich verstehen, ist ein gemeinsames Vokabular notwendig. Genau dafür sorgt ein einheitliches digitales Abbild, die sogenannte Verwaltungsschale, die für jedes Bauteil und jede Maschine dieselben Merkmale in maschinenlesbarer Form hinterlegt. Erst darüber lässt sich regeln, wer zur Nutzung welcher Daten überhaupt berechtigt ist. Digitale Nutzungsverträge legen fest, zu welchem Zweck und für wie lange ein bereitgestellter Datensatz verarbeitet werden darf.
Wie das genau aussieht, unterscheidet sich je nach Branche deutlich. In der Automobilindustrie hat sich mit Catena-X ein einheitlicher, streng genormter Datenraum durchgesetzt, während der vom Mittelstand geprägte Maschinen- und Anlagenbau mit smartMA-X auf eine vergleichsweise flexible Lösung setzt, die individuelle Maschinenkonfigurationen berücksichtigt, ohne dass ein Hersteller sein Prozesswissen preisgeben muss.
KI-Agenten verschärfen die Souveränitätsfrage
Durch den Vormarsch agentenbasierter Künstlicher Intelligenz wächst die Dringlichkeit der Souveränitätsfrage. Gartner geht davon aus, dass bis Ende 2026 rund 40 Prozent aller Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische Agenten enthalten werden. Sobald solche Agenten unternehmensübergreifend arbeiten, rückt eine zentrale Frage der Datensouveränität in den Vordergrund: Welche Daten darf ein fremder KI-Agent einsehen und wer kontrolliert diesen Zugriff?
Dieselbe Logik, die Manufacturing-X zwischen Unternehmen durchsetzt, ist dann auch innerhalb der eigenen Firmenmauern relevant. Das ERP-System muss klar regeln, auf welche internen Daten ein Agent zugreifen darf, in welchem Prozesskontext er agiert und welche Freigaben dafür erforderlich sind. ERP-Anbieter entwickeln vor diesem Hintergrund genau jene Rollen-, Regel- und Protokollmechanismen, die eine kontrollierte Öffnung nach außen technisch überhaupt erst möglich machen.