Positionsbestimmung: „SAP-Kunden wollen und müssen ihren Gestaltungs- und Handlungsspielraum bewusst definieren und Investitionen gezielt ausrichten“, berichtet der DSAG-Vorstandsvorsitzende Jens Hungershausen, der nach diesem Jahreskongress turnusgemäß aus dem Amt scheidet. „Es geht um Einordnung statt Euphorie, Nutzenbewertung statt Schlagworten und Problemlösungen statt blindem Aktionismus.“
Nachweisbarer Nutzen statt blanker Vision
Umfangreiche regulatorische Anforderungen, disruptive Technologien und geopolitische Unsicherheiten setzen Unternehmen unter Druck. Gleichzeitig müssen sie die Migration in Richtung SAP S/4HANA, Cloud-Projekte vorantreiben, gewachsene Systemlandschaften modernisieren und sich den Nutzen Künstlicher Intelligenz erarbeiten. Der DSAG-Investitionsreport hat im Frühjahr bestätigt, dass Unternehmen Investitionen dabei kritischer prüfen und gezielter tätigen als bisher.
„Kaufentscheidungen orientieren sich nicht allein an Visionen und Zielbildern“, erläutert Hungershausen. „Wichtig sind Umsetzbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Integrationsfähigkeit und ein nachweisbarer Nutzen für das jeweilige Geschäftsmodell.“ Unerlässlich seien zudem transparente Roadmaps, nachvollziehbare Meilensteine und verlässliche Planungssicherheit.
On-Premise- und Hybridsysteme bleiben Standard
Bei der Migration in Richtung SAP S/4HANA zeigt sich dies besonders deutlich. Nötig dafür sind erhebliche Investitionen. Das Ende der Standardwartung von SAP-ECC zum 31. Dezember 2027 erhöht den Druck. Wichtig ist aus Sicht der Anwendervertreter daher, dass dem Systemumbau ein klar nachvollziehbarer geschäftlicher Mehrwert gegenübersteht.
On-Premises-Systeme und hybride SAP-Landschaften spielen in Unternehmen weiterhin eine zentrale Rolle, wie der Investitionsreport zeigt: 56 Prozent der Befragten setzen SAP S/4HANA On-Premises ein, 42 Prozent planen für dieses Betriebsmodell hohe oder mittlere Investitionen. Die Präferenz der SAP in Richtung Public Cloud und Private Cloud unterscheidet sich stark von der Realität bei den Kunden. Welches Betriebsmodell für ein Unternehmen am besten passt, hängt laut Hungershausen von der jeweiligen Ausgangslage, der Komplexität der Systemlandschaft sowie den wirtschaftlichen und strategischen Anforderungen eines Unternehmens ab. „Cloud ist die Zukunft. Klar ist aber auch, dass jedes Unternehmen seinen Weg zu S/4HANA selbst bestimmen muss. SAP muss akzeptieren, dass On-Premises und hybride Architekturen aktuell Realität sind.“
Strategische Klarheit und verlässliche Roadmaps
Ein pauschales Vorgehen wird laut Hungershausen weder gewachsenen Systemlandschaften noch branchenspezifischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Anforderungen gerecht: „Unternehmen müssen ihre Transformation in realistischen Etappen planen und passende Übergangsszenarien entwickeln. Dafür braucht es auf Kundenseite strategische Klarheit und auf Seiten der SAP verlässliche Roadmaps und flexible Angebote.“
Positiv bewertet die DSAG die Investitionen von SAP in die Assistenten für Migration und Modernisierung. Diese sollen den Wechsel von SAP ECC auf SAP S/4HANA sowie Versions-Upgrades innerhalb von SAP S/4HANA erleichtern und die Transformation kostengünstiger machen. Für eine belastbare Bewertung fehlen bislang allerdings Berichte von Kunden. Die DSAG erwartet, dass SAP die Assistenten möglichst kostengünstig und ohne zwingende Voraussetzungen wie etwa den Einsatz von Signavio oder Tricentis anbietet, sie zügig in die Projekte bringt und dass damit tatsächlich Einsparungen erreicht werden.
Technologie zwischen Goldrausch und Realität
Künstliche Intelligenz ist bei SAP als strategisches Thema gesetzt. Mit dem Zielbild Autonomous Enterprise haben die Walldorfer eine Vision vorgestellt, nach der Geschäftsprozesse über intelligente Agenten weitgehend selbstständig gesteuert werden sollen. Wie der Software-Hersteller diese Vision in die Realität umsetzen will, steht bislang offen. „Die Technologie ist vorhanden. Zwischen Vision, verfügbaren Lösungen und tatsächlichem Kundennutzen besteht jedoch noch eine Lücke“, erläutert Hungershausen. Für Anwender zähle nicht alleine das Innovationsversprechen, sondern die Frage, welche Lösungen sich produktiv, sicher und wirtschaftlich einsetzen lassen. „Lösungen rund um Künstliche Intelligenz und Automatisierung müssen sich daran messen lassen, welche Anwendungsfälle sie unterstützen, ob sie Geschäftsprozesse tatsächlich verbessern und sich ohne unverhältnismäßigen Aufwand in bestehende SAP- und Non-SAP-Landschaften integrieren lassen.“
Bislang kommt Künstliche Intelligenz in Unternehmen laut der Frühjahrsumfrage noch nicht flächendeckend zum Einsatz. Lediglich 43 Prozent der Befragten haben KI-Use-Cases umgesetzt. Der überwiegende Teil davon basiert auf Non-SAP-Lösungen. Für weitere Investitionsentscheidungen benötigen Unternehmen laut Hungershausen Klarheit darüber, welche SAP-Lösungen wann verfügbar sind, welchen Reifegrad sie erreicht haben und unter welchen Voraussetzungen sie sich produktiv einsetzen lassen.
Das gilt auch für die SAP-Lösungen Joule Work und Joule Work Desktop: „Die Ankündigungen dazu sind sehr interessant“, erläutert Hungershausen, „Belastbare Kundenerfahrungen dazu fehlen jedoch bislang.“ SAP sollte die Unterschiede zwischen den heutigen und den angekündigten Joule-Angeboten sowie deren Verfügbarkeit und Voraussetzungen für den Einsatz verständlich erklären – das könne die Akzeptanz bei den Anwenderunternehmen steigern.
KI braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Künstliche Intelligenz ist aus Sicht der DSAG eine Zukunftstechnologie mit großem Potenzial für die gesamte Wertschöpfungskette. Um die Chancen ausschöpfen zu können, müsse allerdings die Nutzung von KI auch in bestehenden SAP-Landschaften einfacher werden. „Damit KI-Investitionen planbar und in bestehende Architekturen integrierbar sind, braucht es eine verlässliche Anbieterstrategie und klare vertragliche Regelungen“, fordert Hungershausen. Dies betreffe den Datenzugriff über Programmschnittstellen, Nutzungs- und Zugriffsrechte, Governance sowie die Kosten.
Mit den veröffentlichten Referenzarchitekturen für den KI-Zugriff habe SAP wichtige Grundlagen geschaffen. Sie könnten Unternehmen dabei unterstützen, Governance-Anforderungen zu berücksichtigen sowie Systemstabilität, Datensicherheit und Datenintegrität abzusichern. Die Anwendervertreter erwarten nun, dass SAP diese technische Orientierung durch transparente und verlässliche Regelungen zu Kosten, Nutzungsrechten und Verantwortlichkeiten ergänzt.