Gerade im Unternehmensumfeld zeigt sich jedoch, dass die Frage, ob KI Low-Code-Plattformen ablöst oder ergänzt, weniger eindeutig ist als oft behauptet. Vor diesem Hintergrund greift Pegasystems drei verbreitete Annahmen auf, die aus Sicht der Unternehmen einer Einordnung bedürfen:
Fehlannahme #1: „KI macht Low-Code-Plattformen überflüssig“
Der Mythos, dass KI Low-Code-Plattformen überflüssig macht, greift zu kurz. Tatsächlich können KI-gestützte Tools heute in wenigen Stunden einfache Anwendungen oder Prozesse erzeugen – inklusive erster Tests und technischer Grundstruktur. Für einfache Szenarien, etwa das Auslesen einer Excel-Datei und die Übergabe an ein SAP-System, funktioniert das bereits erstaunlich gut. Die Herausforderung beginnt jedoch dort, wo Unternehmen komplexe Richtlinien, bestehende Prozesse, Governance-Vorgaben und gewachsene Systemlandschaften berücksichtigen müssen.
KI kann Dokumentationen zwar lesen, interpretiert sie jedoch häufig neu – und nicht immer so, wie es über Jahre fachlich definiert wurde. Gerade bei geschäftskritischen Anwendungen ist Nachvollziehbarkeit entscheidend: Wer hat was gebaut, wie ist es strukturiert, welche Regeln gelten? Low-Code-Plattformen bieten dafür visuelle Transparenz, Governance und kontrollierte Integration in bestehende Systeme.
Hinzu kommt: KI kann einen großen Teil einer einfachen Lösung sehr schnell erzeugen. Anforderungen an Sicherheit, Compliance, Integration, Skalierung und produktionsreife Qualität bleiben jedoch anspruchsvoll. Genau hier spielen Low-Code-Plattformen ihre Stärke aus: Sie machen Entwicklung nicht nur schneller, sondern auch kontrollierbar, sicher und für mehr Menschen zugänglich.
Fehlannahme #2: „KI passt besser für komplexe Use Cases als Low-Code-Plattformen“
Die Annahme, dass KI für komplexe Use Cases grundsätzlich besser geeignet sei als Low-Code-Plattformen, entsteht häufig durch den Fokus auf einfache Arbeitsplatzautomatisierung. KI kann heute beeindruckend schnell einzelne Aufgaben lösen und analysiert Dokumente, strukturiert E-Mail-Postfächer oder automatisiert kleine Workflows. Doch komplexe Unternehmensprozesse funktionieren praktisch nie komplett isoliert, sondern unterliegen strengen regulatorischen Vorgaben und Sicherheitsrichtlinien. Zudem sind sie normalerweise in bestehende Systeme und organisatorische Prozesse eingebettet, lassen sich also nicht so einfach an KI abschieben.
Gerade in großen Unternehmen reicht es nicht aus, nur einzelne Arbeitsschritte effizienter zu machen. Prozesse wie das Client-Onboarding im Banking, die Produktionssteuerung oder das Supply-Chain-Management erfordern von Mitarbeitenden, dass sie Governance, Skalierbarkeit, Auditierbarkeit und stabile Integrationen über viele Systeme hinweg bedenken. Genau dafür wurden moderne Low-Code-Plattformen entwickelt. Sie bringen bewährte Bausteine, Sicherheitsmechanismen und allem voran eine klare Prozesslogik mit, die über Jahre in Enterprise-Umgebungen optimiert wurden.
KI spielt allerdings durchaus eine Rolle: Sie eignet sich etwa hervorragend, um die Entwicklung zu beschleunigen oder repetitive Aufgaben zu vereinfachen. Bei hochkomplexen Unternehmensanwendungen stößt ein rein KI-basierter Entwicklungsansatz jedoch schnell an Grenzen. Für den produktiven Einsatz müssen Zugriffe auf interne APIs, Secrets und andere sensible Informationen klar geregelt und technisch abgesichert sein. Datenschutz, Datensicherheit und Governance bleiben daher zentrale Anforderungen.
Fehlannahme #3: „KI liefert hochwertigere Anwendungen als Low-Code-Plattformen“
Auch die Annahme, Low-Code-Plattformen lieferten im Vergleich zu KI grundsätzlich minderwertige Anwendungen, greift zu kurz. Sie stammt vor allem aus einer Zeit, in der einfache Baukastenlösungen tatsächlich oft nur kleine, isolierte Anwendungen ermöglichten. Heute hat sich der Markt jedoch grundlegend verändert. Moderne Enterprise-Low-Code-Plattformen sind darauf ausgelegt, hochskalierbare, sichere und komplex integrierte Anwendungen für große Unternehmen bereitzustellen – inklusive Governance, Auditierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Compliance.
Interessanterweise zeigt gerade die aktuelle KI-Diskussion das Gegenteil des Mythos. Denn wenn heute Risiken durch unsicheren Code, fehlende Nachvollziehbarkeit oder Datenabfluss diskutiert werden, beziehen sich diese oft auf rein KI-generierte Anwendungen. KI kann sehr schnell funktionierende Lösungen erzeugen, doch ohne klare Leitplanken entstehen leicht Sicherheits-, Datenschutz- oder Integrationsprobleme. Besonders in Unternehmensumgebungen reicht „funktioniert technisch“ nicht aus. Anwendungen müssen nachvollziehbar, wartbar und langfristig skalierbar sein. Low-Code-Plattformen bieten genau dafür den strukturierten Rahmen.
Low Code und KI spielen ihre Stärken gemeinsam aus
„Es ist wie so oft, wenn eine neue Technologie auf den Markt drängt, dass sofort von Ersatz und Ablöse die Rede ist“, erklärt Uwe Specht von Pegasystems die Situation. „Die eigentliche Stärke entsteht jedoch bei der Kombination von KI und Low-Code-Ansätzen: KI liefert die Geschwindigkeit und verschiedene Automatisierungsoptionen, während Low-Code-Plattformen für Struktur, Nachvollziehbarkeit, sichere Skalierung und die Einhaltung von Unternehmensrichtlinien sorgen. Auf diese Weise schaffen es Unternehmen, die Stärken beider Technologien bestmöglich zu ihrem Vorteil zu nutzen.“