KI im Handwerk: So unterstützen KI-Agenten Betriebe im Alltag

Angebote kalkulieren, Fachwissen sichern oder Kundenanfragen effizient bearbeiten: KI-Agenten übernehmen im Handwerk zunehmend Aufgaben, die bislang Zeit, Erfahrung und viel Routine erforderten. Zwei Praxisbeispiele zeigen, wie individuell entwickelte ChatGPT-Agenten Betriebe im Arbeitsalltag konkret entlasten.

KI im Handwerk
©Jonas Winkler

Handwerksbetriebe verfügen über enormes Erfahrungswissen. Doch vieles davon steckt in den Köpfen einzelner Mitarbeitender oder verteilt sich auf Regelwerke, Dateien und Notizen. Gerade zentrale Abläufe – von der Kundenkommunikation über Kalkulationen bis hin zum Wissensmanagement – bieten daher großes Potenzial für den Einsatz generativer KI. Wie sich dieses Wissen systematisch nutzbar machen lässt, zeigen Spenglermeisterin Jennifer Kirschbaum-Konsek und Tischlermeister Jonas Winkler. Beide setzen auf individuell entwickelte ChatGPT-Agenten, um Prozesse zu automatisieren, Wissen zugänglich zu machen und ihre Betriebe datenbasiert weiterzuentwickeln. Die Beispiele zeigen, wie KI im Handwerk konkrete betriebliche Herausforderungen lösen kann.

Dachflächenberechnungen unter Zeitdruck – und wie KI entlastet

Jennifer Kirschbaum-Konsek steht kurz vor der Übernahme des Familienbetriebs und übernimmt bereits heute Verantwortung für eigene Baustellen. Die 28-jährige Spenglermeisterin arbeitet täglich an Projekten, in denen Präzision und Tempo gleichermaßen gefragt sind. Besonders bei Blechdächern sind die Anforderungen hoch: Zuschnitte müssen exakt geplant, Materialeigenschaften wie Dehnung berücksichtigt und individuelle bauliche Gegebenheiten – etwa Gauben oder Kamine – präzise integriert werden. Schon kleinste Abweichungen können spürbare Mehrkosten oder Verzögerungen verursachen. Hinzu kommt, dass ein Großteil dieser Berechnungen direkt auf der Baustelle entsteht – unter Zeitdruck und oft mit eingeschränktem Zugriff auf Normen oder Dokumentationen. Fachwissen ist zwar vorhanden, jedoch häufig in Regelwerken, Unterlagen oder in der Erfahrung einzelner Mitarbeitender gebunden und damit im entscheidenden Moment schwer abrufbar.

Vom Erfahrungswissen zum digitalen Assistenten

Um dieses strukturelle Problem zu lösen, hat Kirschbaum-Konsek in ihrem Dachdeckerbetrieb einen eigenen Spengler-Agenten mithilfe von ChatGPT und Codex, den Entwicklungswerkzeugen von OpenAI, etabliert. Er wurde anhand realer Arbeitsabläufe entwickelt. Ausgangspunkt bilden typische Praxisfälle aus dem Betriebsalltag: komplexe Berechnungen, Sonderlösungen und wiederkehrende Herausforderungen auf der Baustelle. Diese hat Kirschbaum-Konsek systematisch in den Agenten überführt und kontinuierlich erweitert. Dabei zeigt sich ein entscheidender Vorteil: Der KI-Agent ist kein statisches IT-Projekt, sondern wird anhand neuer Praxisfälle kontinuierlich weiterentwickelt und an die Arbeitsweise des Betriebs angepasst. Alexander Schüren, Solutions Engineer bei OpenAI beschreibt dieses Prinzip so: „Der KI-Agent ist wie ein neuer Lehrling. Man erklärt ihm die Aufgaben, gibt ihm Beispiele – und mit jeder Erweiterung wird er präziser.“ So bildet der Agent die tatsächlichen Arbeitsabläufe immer besser ab.

Heute übernimmt der Agent im Familienunternehmen die Berechnung von Blechzuschnitten, selbst bei anspruchsvollen Dachformen. Auf Basis weniger Parameter wie Länge, Breite und Aufkantungen ermittelt er die erforderlichen Blechbahnen und berücksichtigt automatisch relevante Fachregeln – von Materialdehnungen bis zu Abzugsmaßen. Berechnungen, die zuvor Zeit, Erfahrung und höchste Konzentration erforderten, stehen nun innerhalb von Sekunden zur Verfügung. Gleichzeitig sinkt die Fehleranfälligkeit, da der Agent typische Rechenfehler erkennt und korrigiert.

Für Kirschbaum-Konsek bedeutet das nicht nur eine erhebliche Entlastung im Arbeitsalltag, sondern auch einen strategischen Vorteil für den Betrieb: „Wir können unser Wissen endlich so dokumentieren, dass es auch für neue Kollegen direkt nutzbar ist“, sagt sie. Der Agent fungiert damit als zentrale, lebendige Wissensbasis. Gerade in den entscheidenden Momenten auf der Baustelle wird er zum wertvollen Assistenten – dann, wenn keine Zeit für langes Nachschlagen oder aufwendige Berechnungen bleibt.

So gewinnt die junge Unternehmerin nicht nur Effizienz, sondern auch Freiräume: für kreative Lösungen im Handwerk, für ihre Familie – und für ihre Community. Als „Jenni vom Dach“ inspiriert sie in den sozialen Medien eine neue Generation von Fachkräften und zeigt, wie Digitalisierung und traditionelles Handwerk erfolgreich zusammenwirken können.

Die Einsatzmöglichkeiten von KI-Agenten beschränken sich jedoch nicht auf technische Berechnungen. Ebenso können sie administrative Prozesse unterstützen – etwa bei Angebotskalkulationen, der Projektvorbereitung oder der Kommunikation mit Kunden.

Vom Erfahrungswert zur datenbasierten Angebotskalkulation

Jonas Winkler, Tischlermeister, studierter Produktdesigner und einer der bekanntesten Content Creator im deutschsprachigen Handwerk, kennt die Realität vieler Betriebe sowohl aus der eigenen Werkstatt als auch aus der digitalen Öffentlichkeit. Über seine Kanäle erreicht er täglich tausende Menschen und macht praxisnah sichtbar, wo im Handwerk die größten Herausforderungen liegen.

Eine dieser ist die Angebotskalkulation. Individuelle Projekte, wechselnde Materialien und komplexe Anforderungen führen dazu, dass Angebote in der Praxis häufig auf Erfahrungswerten basieren. Doch ohne systematische Auswertung stößt diese Erfahrung schnell an ihre Grenzen – mit teils gravierenden wirtschaftlichen Folgen. In einem konkreten Fall investierte Winkler mehr als 100 Stunden in ein Projekt, ohne am Ende daran zu verdienen. Die eigentliche Ursache liegt im fehlenden Zugang zu strukturierten Daten. Projekterfahrungen sind zwar vorhanden, werden jedoch selten konsistent dokumentiert oder ausgewertet. Wissen verteilt sich auf Erinnerungen, einzelne Dateien oder alte Rechnungen und bleibt damit im Alltag schwer nutzbar.

Hinzu kommt eine weitere Herausforderung: die Kundenkommunikation. Unvollständige Anfragen und hoher Abstimmungsaufwand verzögern Prozesse und führen häufig dazu, dass potenzielle Projekte gar nicht weiterverfolgt werden. Winkler gesteht: „Ganz ehrlich: Manchmal lässt man Anfragen einfach liegen, weil der Aufwand zu groß ist. Bevor ich zehnmal hin und her schreibe, sage ich mir: Dann mache ich es halt nicht.“

KI unterstützt Kalkulation und Kundenkommunikation

Gemeinsam mit OpenAI hat Winkler daher einen KI-Agenten entwickelt, der Angebotskalkulation und Kommunikation gleichermaßen unterstützt. Statt auf Schätzungen zurückzugreifen, nutzt das System bestehende Projektdaten wie Angebote, Rechnungen und Erfahrungswerte als belastbare Grundlage. Mit jeder Erweiterung der Datenbasis und neuer Projektbeispiele lässt sich der Agent weiter verfeinern und macht dieses Wissen erstmals systematisch verfügbar. Materialeinsatz, Zeitaufwand und typische Projektparameter lassen sich so präziser und wirtschaftlicher bewerten.

Zusätzlich unterstützt der Agent die Kundenkommunikation: Er analysiert eingehende Anfragen, erkennt fehlende Informationen und formuliert automatisch passende Rückfragen sowie Antwortentwürfe. Dadurch werden Prozesse strukturierter, Abstimmungsschleifen reduziert und Entscheidungswege für Kunden deutlich klarer. Gleichzeitig bleibt die persönliche Note erhalten: Der Agent wird gezielt auf den individuellen Kommunikationsstil trainiert und unterstützt im Hintergrund, ohne den direkten Kundenkontakt zu ersetzen.

So entsteht ein neues Zusammenspiel: Die KI strukturiert und bereitet vor – der Mensch trifft die Entscheidungen und führt die Beziehung.

Fazit: KI im Handwerk schafft Freiräume statt Mehrarbeit

Die beiden Beispiele zeigen: Nicht die eigentliche handwerkliche Arbeit bindet die meiste Zeit, sondern die administrativen Prozesse drumherum – von der Kalkulation über Abstimmungen bis hin zur Dokumentation. KI-Agenten im Handwerk greifen genau in diese Bereiche ein. Sie strukturieren Abläufe, machen vorhandenes Wissen systematisch nutzbar und reduzieren manuelle Arbeitsschritte sowie Verwaltungsaufgaben, ohne die eigentliche handwerkliche Leistung zu verändern. Dabei bleibt die Individualität der Betriebe erhalten. Die Systeme werden auf bestehende Daten, Arbeitsweisen und Kommunikationsstile abgestimmt – und fügen sich in die jeweiligen Abläufe ein, statt sie zu standardisieren.

Lesetipp: KI-Agenten – Chancen, Grenzen und Perspektiven

Die Praxisbeispiele zeigen, wie KI-Agenten bereits heute Arbeitsprozesse im Handwerk unterstützen. Welche Rolle Agentic AI künftig in Vertrieb, Service und Unternehmenssoftware spielt, erläutert CRM-Experte Ralf Korb im ausführlichen Interview „KI-Algorithmen helfen im Service und bei der Akquise“.

Der Experte

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