Die Statistiken der vergangenen drei Sommer zeigen einen signifikanten Anstieg der Cyberangriffe. Besonders betroffen sind Branchen mit hohen saisonalen Umsätzen in der Sommerzeit, darunter Tourismus, Reiseveranstalter, Hotels und Logistikunternehmen. CheckPoint hat in einer Analyse auf diese Zusammenhänge hingewiesen. Unternehmen geraten offenbar in diesen Monaten verstärkt in den Fokus der Cyberkriminellen, da sie in ihrer Hauptumsatz-Saison stark von funktionierenden IT-Systemen abhängig und daher leichter durch Ransomware zu erpressen sind.
Eine weitere Gefahr sind Angriffe zur Datenspionage. Statistiken der europäischen Agentur für Cybersicherheit ENISA und des Computer Emergency Response Teams CERT-EU zeigen, dass die Gesamtzahl der Angriffe auf alle Branchen kontinuierlich von Jahr zu Jahr steigt. Checkpoint hatte für das Sommerquartal 2025 anhand der Auswertung von Data-Leakage-Seiten eine im Jahresvergleich steigende Aktivität der Hacker belegt.
Um die risikobehaftete Urlaubszeit zu überstehen, empfehlen ENISA und andere Organisationen oder Unternehmen eine klare Strategie. Für die IT-Sicherheit im Urlaub kommt es dabei vor allem auf eine gute Vorbereitung vor der Sommerperiode, strenge Kontrollen während dieser Monate sowie die Analyse der nach dem Sommer gewonnenen Erkenntnisse, um die Maßnahmen für die Urlaubssaison im Winter anzupassen. Die Cyberresilienz-Experten von Commvault geben sechs praktische Ratschläge, wie sich IT-Verantwortliche angemessen auf die Sommerperiode vorbereiten:
1. Den Sommer-Betriebsmodus offiziell erklären
Sicherheitsexperten fordern klare Rollen, Verantwortlichkeiten und die Verfügbarkeit von Sicherheitsfunktionen. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt, dass Personalabwesenheit und Wissensmonopole Geschäftsprozesse gefährden können. Die Verantwortlichen für die Sicherheit, Sicherung und Verfügbarkeit der IT und der Daten sollten daher für die Monate Juli und August einen ‚Reduced Staff Operating Mode‘ definieren. Dieser regelt den Vorrang kritischer Services und berücksichtigt die Minimalvorgaben an eine notwendige Betriebsfähigkeit. Er benennt auch die Verantwortlichen, die Stellvertreter sowie Bereitschaftsdienste, hinterlegt die einschlägigen Kontakte in der Supply Chain und definiert Eskalationszeiten.
2. Stellvertreter benennen – Vier-Augen-Prinzip einrichten
Kein kritischer Prozess sollte von einer einzelnen Person abhängen: Administratoren, Security Operation Center sowie die Verantwortlichen für Netzwerk, Identity Access Management, Backup, Cloud, Service Desk, Einkauf/Finanzen und Kommunikationsfreigaben benötigen benannte Stellvertreter. Ebenso wichtig sind Inventare privilegierter Konten sowie deren regelmäßige Validierung.
3. Patch- und Schwachstellenüberwachung aktiv halten
Die Zahl der durch intelligente Algorithmen wie Mythos offengelegten Schwachstellen steigt. Das so beschleunigte Aufkommen von Angriffen oder Angriffsversuchen erfordert zusätzliche Aufmerksamkeit. Kritische Schwachstellen dürfen nicht bis nach den Ferien warten: Die IT-Sicherheitsverantwortlichen müssen sicherstellen, dass tägliche oder zumindest regelmäßige Checks erfolgen und Risiken priorisiert werden. Kompensierende Maßnahmen sind im Vorfeld zu testen, zu implementieren und zu dokumentieren. Generell gilt es, Schwachstellen zu überwachen, Scans durchzuführen und kritische Verwundbarkeiten schnell zu behandeln.
4. Nicht-kritische Änderungen einfrieren
Für die Urlaubszeit gilt: Notfall-Prozesse für kritische Patches und Vorfälle sind aufrechtzuerhalten, nicht Kritisches ist zu verschieben. Ein praxistaugliches Notfallmanagement verlangt, dass Patches und Änderungen geplant, genehmigt, dokumentiert und getestet sowie durch eine Recovery-Lösung abgesichert werden. Ebenso wichtig sind Änderungsverfahren mit Risikoanalyse, Tests, Rollback und Dokumentation.
5. Backup und Recovery in der Praxis überprüfen
Vor den Sommermonaten ist es wichtig, die Funktionsfähigkeit von Backups zu überprüfen. Verantwortliche sollten sich nicht nur vergewissern, ob Backups laufen, sondern, ob sie damit kritische Dienste tatsächlich wiederherstellen können. Zum Testkatalog gehören Restore-Tests sowie das Überprüfen der Integrität der Daten, Offsite-, Offline-, Immutable-Kopien, getrennte Administratorrechte und der Zugang auf eine dokumentierte Recovery auch dann, wenn das Unternehmensnetzwerk nicht verfügbar ist. Die Commvault-Experten raten zu Backup-Plänen, zu einer sicheren getrennten Speicherung, Integritätsprüfungen und regelmäßigen Wiederherstellungstests.
6. Incident-Response-Runbooks durchspielen
Noch vor der Sommerferienzeit empfiehlt sich ein sogenannter Tabletop-Test für mindestens drei Ausfallszenarien: Phishing/Account-Takeover, Ransomware/Backup-Manipulation, kritischer SaaS-/Cloud-Ausfall. Die ENISA empfiehlt getestete Incident-Response-Verfahren, Playbooks/Runbooks und jährliche Tests mit Lessons Learned.
IT-Sicherheit im Urlaub braucht klare Prioritäten
IT-Sicherheit im Urlaub bedeutet daher vor allem, personelle Engpässe frühzeitig abzufedern, kritische Prozesse abzusichern und auf mögliche Sicherheitsvorfälle vorbereitet zu sein. „Da Cyberkriminelle zunehmend Künstliche Intelligenz nutzen, müssen Unternehmen in der Urlaubszeit menschliche und technische Fähigkeiten koordinieren, um eine angemessene Resilienz zu erreichen“, berichtet Mark Molyneux, Field CTO beim Security-Spezialisten Commvault. „Um den Druck auf die IT-Teams zu reduzieren, sollten im Sommer nichtkritische geschäftliche Änderungen reduziert werden. So bekommen die Administratoren Zeit, ihre Prozesse anzupassen. Die Urlaubszeit sollte nicht zum Krisensommer werden – sie sollte vielmehr der Moment sein, in dem die Teammitglieder ihre Stärken zur Geltung bringen.